Dienstag, 4. November 2014

Amerika 7 - dreierlei Ausflüge in die Geschichte



(1)
Der Northern Neck ist die nördlichste dreier Halbinseln (traditionell Necks" genannt) am westlichen Ufer der Chesapeake Bucht von Virginia. Diese Halbinsel wird durch den Potomac Fluß im Norden und den (mighty) Rappahannock im Süden begrenzt. Dort befindet sich zwischen grünen Hügel untweit des Potomacufers ein prächiges altes Anwesen, die Stratford Hall Plantation, dessen Ländereien neben einstigen Feldern u.a. auch eine Werft und einen Verladehafen umfassen. Hier hatte die britischstämmige Familie des berühmten General Lees seit dem frühen 18. Jh. einst ihren Sitz, auf dem sie in traumhafter Umgebung eine florierende Tabakplantage mit direkt angeschlossenem Schiffshandel mit England betrieb. Die Söhne dieser Familie gehörten zu den einflussreichsten Persönlichkeiten des frühen Nordamerikas, einige von ihnen wurden zu entscheidenden Pionieren der Unabhängigkeit, sodass dieses Anwesen inzwischen von einer Stiftung als Museum der frühen Geschichte betrieben wird, in dem man in der Tat Vieles über die koloniale Wirklichkeit der frühen US-amerikanischen Geschichte sehen und erfahren kann. Wie überall an den historischen Orten Virginias, die ich zu sehen bekam, ist auch hier viel Detailliertes über die segensreich-kultivierenden Aktivitäten der einwandernden Europäer zu hören und zu lesen, ein ganz kleines bisschen Generelles auch über die Sklaven (die den Hauptteil der immensen Arbeit haben leisten dürfen); von den Ureinwohnern dieser Landschaft hingegen erfährt man gar nichts, sie sind insgesamt kein Thema in den historischen Selbstinszenierungen des modernen Amerikas.



(2) Ein anderer, bemerkenswerter Ort, an dem man die Geschichte der USA buchstäblich anfassen kann, ist Williamsburg im Südosten Virginias. Begründet im 17. Jh. aus einer früheren Plantage ist ColonialWilliamsburg dank einer umfassenden Rekonstruktion durch die Rockefellerstiftung heute eine Art Bilderbuch-Siedlung, in der man den Zeitgeist der frühen nordamerikanischen (überwiegend britischstämmigen) Kolonisatoren Tag für Tag eins zu eins nacherleben kann. Das historische Zentrum lädt zu einer angenehm entschleunigenden Zeitreise ein: Statt der modernen Wohnhäuser stehen hier (nachgebaute) Siedlerhäuschen mit kleinen Gärten, in denen Gemüse und Zierblumen angebaut werden, statt Autos flanieren zwischen den Fußgängern (sic) schmucke Pferdekutschen auf und ab; und die kleinen Lädchen voller „historischer“ Erzeugnisse werden von handfesten Siedlerpersönlichkeiten in traditionellen Kleidern betrieben, wie man sie auch überall auf den sandigen Straßen und Plätzen antreffen kann – ob vor der Kirche, beim Markt, am Theater, an den Kanonen und Gerichtsplätzen oder auch bei der stündlichen öffentlich-feierlichen Verkündung der Unabhängigkeitserklärung mit Pfeifen, Trommeln und allerlei Tamtam vor dem kleinen alten Ratshaus der Stadt. Zum Glück läuft die Inszenierung dieses kleinen Geschichts-Disneylands sehr entspannt sowie recht (romatisch-historisiernd) geschmackvoll und weitgehend unaufdringlich ab, sodass der geneigte Spaziergänger diesem heiter-märchenhaften Spiel mit ein wenig gutem Willen einen durchaus angenehmen Tag unter der Sonntagnachmittagssonne Virginias abgewinnen kann… 

(3) An Geschichte ganz anderer Art und Weise wird am Montag, den 4. November 2014, in der Vereinigten Kirche (sie hat tatsächlich diesen deutschen Namen) in Washington D.C. gedacht. Ab 17 Uhr finden sich nach und nach Studenten und Professoren der nahen George Washington University ein. Es werden Kerzen verteilt und Banner an der Balustrade der Empore aufgehängt und dann beginnt eine ganz besondere Veranstaltung: Ein Friedensgebet zum Gedenken an die Leipziger Montagsdemonstrationen von 1989. Als einer von vier Augenzeugen berichte ich vor allem vom 9. Oktober 1989, danach sprechen der amerikanische und die deutsche Pastor/in dieser Einwanderergemeinde zweisprachig ein Gebet aus dem Herbst 1989. Und dann treten die Besucher dieses Friedensgebetes mit Kerzen und Transparenten tatsächlich hinaus auf die Straßen von Washington 2014, um durch den Regierungsbezirk Foggy Bottom hinüber zu einem Kunstzentrum auf dem verstreuten Campus der Universität zu ziehen, wo dieser erstaunliche Abend seinen lockeren Abschluss bei Fingerfood-Buffet und einer Fotoausstellung über den Berliner Mauerfall findet. Besonders beeindruckt bin ich von der Tatsache, dass hier einmal nicht die üblichen Mauergraffitis (die es auf der Ostberliner Mauer 1989 ja gar nicht geben konnte) oder der dämliche Versprecher des nicht an Pressekonferenzen gewöhnten SED-Schabowski  ("So viel ich weiß, gilt die neue Reiseregelung ab sofort...") im Mittelpunkt des symbolischen Gedenkens stehen, sondern die Washingtoner tatsächlich genügend Sachkenntnis über die jüngste deutsche Geschichte besitzen, an die entscheidenden Stunden von Leipzig zu erinnern, als der verzeifelte Mut der Vielen der SED für immer den Wind aus den Segeln nahm...

Einer der beteiligten Zeitzeugen an jenem Nachmittag ist Professor Peter Rollberg, einst Leipziger Demonstrant, seit 1990 Slawistik-Prof. in Washington, dem die amerikanische Hauptstadt u.a. das erste und einzige Puschkin-Denkmal verdankt. Er berichtet mir bei einem gemeinsamen Kneipengespräch am Abend, dass Puschkin in den Staaten vor allem unter den Schwarzen landesweit eine Legende sei - denn der berühmteste russische Dichter hatte afrikanische Vorfahren, derer er sich auch in seiner Dichtung rühmt.   
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Hinter den Washingtoner Aktivitäten steht jedoch vor allem Mary Beth Stein, eine umtriebige Deutsch-Professorin an der Fakultät für europäische Literatur und Sprachen an der GWU, in deren Seminar ich am nächsten Tag eine wunderbare Lesung aus meinen Büchern über 1989 halte - einer der Deutsch sprechenden Studenten stammt aus China und ist besonders davon angetan, wie sehr wir damals in Leipzig Bezug auf die Bewegung vom Tianamenplatz nahmen (und wie sehr uns die Angst vor einer "chinesischen Lösung" - sehr zu Recht - umtrieb).
 

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