Donnerstag, 5. April 2012

Günter Grass und die Anti-Antisemitisten

Die mediale Häme, die sich gerade über Günter Grass ergießt, ist maßlos und ein interessantes Symptom für das politische Denken vieler Deutscher. Zwar habe ich mich selbst oft über unseren größten lebenden deutschen Agitprop-Dichter geärgert (im Sommer 2006 sagte ich ihm auf einem öffentlichen Schriftsteller-Podium beispielsweise, wie nervig es sei, dass er der Welt immerfort stellvertretend erklärt, was wir Ossis angeblich alles dächten und fühlten - sogar wenn wir direkt neben ihm sitzen! - als ob wir nicht selbst für uns sprechen könnten...) - aber was aus Anlass seines israelkritischen Gedichtes "Was gesagt werden muss" nun an grobem Unfug und heuchlerischer Besserwisserei über den alten Friedens-Kempen ausgeschüttet wird, sagt viel über den Zustand unseres geistigen Mainstreams (und wenig über Günter Grass).
  Grass ist bewusst kein Diplomat - und politisch ist nicht alles der Weisheit letzter Schluss, was der große Dichter aus dem letzten Jahrhundert will und äußert. Kann schon sein, dass er sich auch mit diesem Gedicht literarisch diffus (und mit solch politischer Gebrauchspoesie ohnehin wenig Literaturnobelpreis-verdächtig) äußert.
  Aber in der Sache gebührt ihm Respekt! Schon deshalb, weil alle, die genau diese Diskussion fürchten müssen, nun schnell auf die Person Grass, statt auf sein wichtiges Thema abheben - ach was: im großen Chor aufjaulen! Und unser Lieblings-Maulheld, gut bezahlter Papierrebell und nachholender Widerstandskämpfer Henrik M. Broder - der einst mit einer unsäglichen Spiegel-Kampagne die Existenz des Schriftstellers Thor Kunkel mittels Zitieren gestrichener (sic!) Manuskriptpassagen aus einem noch nicht veröffentlichten (sic!) fantastischen Roman ("Endstufe") mit der unbesiegbaren Antisemitismuskeule triumphal zerstörte - führt wie immer das unsterbliche Heer der ewig Gerechten an, für die jegliche Kritik an Israel automatisch Antisemitismus mit eindeutigem Fascho-Kern ist... Das Motto dieser Leute, "Wer Israel meint, meint die Juden", unterschlägt, dass im Staate Israel eben beileibe nicht nur Juden leben. Und nicht jeder, der klar auszusprechen wagt, dass Israels Politik nicht immer nur dem Weltfrieden dient, ist ein seniler Antisemit.
  Grass bedauert zu recht das Spiel der israelischen Außenpolitik mit dem Feuer eines Erstschlag-Kriegs mit dem Iran. Denn während der Iran verbal aufrüstet und dessen Atomprogramm bislang nur vermutet werden kann (wir erinnern uns noch deutlich der vergleichbaren "Massenvernichtungswaffen" als Angriffsgrund für den Irak), weiß jeder um die atomare Ausrüstung Israels mit seiner Schutzmacht USA nebst deutscher Zulieferung an atomwaffenfähigen U-Booten. Dass sein Gedicht dabei nicht diplomatisch ausgewogen argumentiert, sondern einen akuten Aspekt des Problems besonders akzentuiert, ist legitim, es handelt sich schließlich nicht um einen offiziellen Staatsvertrag. Grass kritisiert nicht die Existenz Israels, sondern dessen aggressive und unausgewogene Außenpolitik gegenüber dem Iran. Und die deutsche Unterstützung dafür! Wenn Grass deswegen ein Antisemit ist, bin ich es auch. (Und zwar, obwohl einige meiner Freunde Semiten, d.h. Araber wie Juden, sind. Israel ist übrigens nicht "die Semiten" - auch wenn ein Teil des auserwählten Volkes, und sein unheilig-deutscher Möchtegernprophet Broder, das ganz fest glauben...) Auch da, wo man nicht mit Grass übereinstimmt, sollte man ihm doch seine Position zubilligen und sich angemessen damit auseinandersetzen, anstatt wie wild die Moralkeule zu schwingen oder ihn als politisch ungenügend gebildet zu denunzieren. Wieso halten wir Deutschen es eigentlich nach wie vor kaum aus, wenn einer mal etwas anders meint, als es der allgemeine Herdenkonsens gerade für opportun hält?     
  Es bleibt zu vermuten, das Grass mit dieser heftigen und unerfreulichen Reaktion gerechnet hat. Dass er sie dennoch provoziert und riskiert hat, zeigt, wie sehr ihm offenbar die in seinem Text beschriebene Gefahr unter den Nägeln brennt. (Eine kluge Verteidigung des Gedichts von Thomas Anz gegen seine Kritiker findet sich übrigens HIER.) Ob man Grass zustimmt oder nicht, seine Sorge ist aufrichtig, thematisch legitim und keineswegs unerheblich. Deswegen gebührt dem politischen Autor in jedem Fall Aufmerksamkeit und Respekt!
  Doch die heftige öffentliche Reaktion zeigt deutlich, dass wir neben einer weniger reflexhaft unkritischen Haltung zum Staat Israel und seiner mitunter innen wie außen für die ganze Welt problematischen Politik bei uns dringend auch eine gesellschaftliche Begriffsklärung darüber brauchen, was "Antisemitismus" im Deutschland von heute tatsächlich bedeutet - bzw. ob alles, was derzeit mit diesem aus historischen Gründen geradezu irrational aufgeladenen Label gebrandmarkt wird, auch automatisch und ohne jedes Nachdenken und Diskutieren verbrecherisch und verdammenswert zu nennen ist. Was derzeit in den Zeitungen über Grassens unsachliches Gedicht als (vorgeblich sachliche) Auseinandersetzung damit zu lesen ist, ist zu großen Teilen nicht weniger Agit-Prop. In unseren Köpfen ist der II. Weltkrieg offenbar noch längst nicht bewältigt, wie wir immer gehofft hatten. Grass macht uns darauf aufmerksam, dass genau dies den Keim für einen dritten in sich trägt. Eine unbequeme Wahrheit, die vor allem unser deutsches Selbstbild von der vollendeten Läuterung infrage stellt... Vielleicht sind ja deswegen die Reaktionen so heftig?

Kommentare:

  1. Lesenswert in diesem Zusammenhang auch Jakob Augsteins SPON-Kolumne zum Thema! Siehe hier: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826163,00.html

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  2. ERGÄNZUNG 2: Seit heute (Ostersonntag 2012) hat Grass nun Einreiseverbot für Israel. Wer hätte gedacht, dass im Jahre 2012 eine westliche Demokratie (wie Israel sich ja selbst versteht) einem Dichter wegen eines (literarisch eher dürftigen) Gedichtes ein Einreiseverbot erteilt!? Das gibt wirklich zu denken... Gut, jeder blamiert sich so gut er kann. Die israelische Regierung jedenfalls nimmt Grass ernst. Grass hat also tatsächlich einen wunden Punkt getroffen. Er zwingt uns aus der diplomatisch-diffusen Deckung: Finden wir Israels Erstschlagdrohung gegen den Iran gut oder nicht? Liefern wir Ausrüstung dafür oder nicht? Müssen wir Deutschen qua historischer Sippenhaft automatisch alles gut finden, was Israels derzeitige Regierung mit der (dehnbaren?) Begründung der Existenzsicherung politisch so treibt? - Ich finde diese Diskussion beileibe ist keinen Sturm im Wasserglas sondern tatsächlich eine hochbrisante und unbeantwortete Frage! Dank Günter Grass' nicht gerade wortgewaltiger Agitpropdichtung bekommt das Problem Breitenwirkung - gut so!

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  3. Offenbar macht es bestimmten Leuten vor allem in Deutschland großen Spaß, sich billig auf Kosten des verdienstvollen großen Alten der deutschen Nachkriegsliteratur zu profilieren! Und Israel nutzt die Gelegenheit und zeigt deutlich, auf welch ideologischen Dogmen es seine - nun ja? - freiheitlich demokratische Politik betreibt...

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