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Sonntag, 15. Juli 2012

Europäische Krise?


Jährlich erscheinen rund 25 000 neue belletristische Titel allein in Deutschland (Übersetzungen inklusive)! Der fanzösische Schriftsteller Michel Butor konstatiert dennoch eine literarische Krise Europas. "Wir leben nicht nur in einer Wirtschaftskrise, wir leben auch in einer literarischen Krise. Die europäische Literatur ist bedroht. WAS WIR GERADE IN EUROPA ERLEBEN IST EINE KRISE DES GEISTES. Das immerhin haben die europäischen Nationen gemeinsam." sagt er in einem aktuellen Interview der ZEIT. Selten habe ich einer Einschätzung so zustimmen können wie dieser - ich fühlte mich bislang allerdings recht einsam mit meinem Gefühl des rasenden Stillstands; auf den Literaturbetriebsparties und Buchmessen galt ich mit meiner Unzufriedenheit als chronischer Miesepeter. Doch Michel Butor spricht mir aus dem Herzen: "Seit zehn oder zwanzig Jahren gibt passiert beinahe nichts mehr in der Literatur. Es gibt eine Flut von Veröffentlichungen, aber einen geistigen Stillstand."
  Genau so empfinde ich es. Seit etwa 1995, seit der stilistischen "Rückkehr zur großen Erzählung" - sprich dem allgemeinen Ende der sprachlichen Experimente und dem merkantilen Siegeszug des koventionellen linearen Erzählens klassisch-angloamerikanischen Stils - gibt es zwar jede Menge guter Bücher, aber die replizieren das bisher Bekannte und Erreichte in allen Varianten oder sie recyceln und mixen es neu, aber sie übersteigen es nicht: Eine Art literarischer Restauration, ein geistiger Urobos. (Möglicherweise gilt das auch für andere Bereiche der europäischen Kultur, etwa die Musik, das Theater oder die bildende Kunst...?) Es fehlt der geistige Zugewinn, der neue Ansatz, der denkerische Schritt voran, die horizonterweiternde Perspektivenverschiebung. Wo bleibt er geistig gesehen, der inflationär angesagt "Paradigmenwechsel"? Stattdessen die technische Aufrüstung des Altbekannten.
  Es ist wie mit den Eiskremsorten, jeden Sommer kommen mehr und raffiniertere hinzu, aber die Sache selbst bleibt gleich. (Nichts gegen Vielfalt. Nur: Braucht's für's Sommerglück unabdingbar Acerola-Bergthymian-Macadamia?) Das 21. Jahrhundert als kulturelle Replik des Bisherigen in immer neuen Formaten ("Schneewittchen" jetzt auch in 3D fürs I-phone)? Unsere zeitgenössischen Kulturprodukte: Sehr viel Gutes, hervorragende Qualität! Aber keine neue. Und viel zu viel zu viel vom Ähnlichen. Die allgemeine "Selbstverwirklichung" führt in die unendliche Breiiiiiiiiiiteee: Jeder muss jetzt eben auch selbst kreativ sein. Das ist völlig legitim. Doch ich fange an, dieses Wort zu fürchten! Viel Form, nicht selten durchaus auch auf hohem Niveau; doch wenig Inhalt, der aufregend neu wäre, der einen Ansatz zum Weiterdenken, zum Neu- und Umdenken böte. Oder sehen wir das Wichtige in der Flut des immergleichen täglich Neuen gar nicht mehr? Kann es jenseits der verkaufspsychologisch erzeugten MARKETING-Kultur (etwa die Literatur a lá Rowling, Roche, Sarrazin oder aktuell E.L. James etc.) gar nicht mehr zur Grundlage einer gemeinsamen Diskussion, eines kulturellen Diskurses für eine Gesellschaft werden, weil die WARE AUFMERKSAMKEIT inzwischen schon viel zu sehr industriell erzeugt, kontrolliert, verwertet und gelenkt wird?

Der Verdacht besteht, dass der von Michel Butor gemeinte geistige Stillstand derzeit die "westliche" Kultur insgesamt betreffen könnte (und ihr verschärftes Abbild, das derzeit in den Megacities der wuchernden asiatischen Massengesellschaften in wahrlich atemberaubenden Dimensionen heraufzieht). Aber um mal bei der Literatur zu bleiben: Natürlich wurden in den letzten zwanzig Jahren innerhalb "der deutschen Literatur" ein paar bemerkenswerte Bücher geschrieben, die auf die Pflichtleseliste künftiger Germanistikstudenten gehören und so mancher Leser hat's auch gemerkt und gelesen - nur mit welcher Wirkung? (Und warum sollte man die Literatur "unserer Epoche" später überhaupt noch lesen?) Gut, nicht jedes Buch muss für die Ewigkeit geschrieben sein. (Die Franzosen können zumindest auf die Bücher Houellebecqs verweisen, dem wenigstens halbwegs unerschrockene Diagnosen unseres Dilemmas gelingt. Für weitere gesellschaftlich relevante Buchbeispiele wäre ich dankbar!) Nur: Könnte unter den Fluten von Neuem auf den anologen und digitalen Marktplätzen des zeitgenössischen Texthandels nicht wenigstens ETWAS dabei sein, das uns WEITER hilft, uns weiter und anders denken lässt? Ich meine: Uns gemeinsam, als kritischer Kultur? Oder ist das Projekt Aufklärung beendet und wir variieren jetzt die erreichten Resultate nur noch in geschmacklichen Varianten? Es geht um die geistigen Grundlagen unserer Zukunft im Moment höchster Dynamik in der Entwicklung der Menschheit. Aber es entspricht nicht unserer gegenwärtigen Stimmung, solche großen Sätze überhaupt zu denken. Wir bleiben skeptisch und trinken caffè latte.

Klar, Revolutionen, egal ob politisch, kulturell oder welcher Art auch immer, kommen selten auf Bestellung und meistens zu einer Zeit und aus einer Richtung, die die wenigsten erwarten. Dennoch warte und hoffe ich sehnlichst auf eine baldige geistige Revolution, einen kulturellen Aufbruch, Neuansatz. Das aufgeregte Getöse über die gesellschaftlichen Auswirkungen der digitalen Technologien täuscht uns darüber hinweg: "Der Westen" steckt geistig keineswegs in einem epochalen Umbruch, wie ein paar bislang zu kurz gekommene Nerds meinen, sondern vielmehr in einer kulturellen Sackgasse. (Die Piratenkultur als fraktale Vervielfältigung der Postmoderne mit digitalen Mitteln ... ?)
  Während viele westliche Bildungsbürger derzeit ängstlich pfeifend abwarten, dass die so genannte Euro-Krise an uns vorüberziehen möge wie ein vermeidbares Gewitter, hoffe ich, dass der Irrsinn der Banken schnellstmöglich zu einem Ende finden möge - damit offenbar wird, dass am Grunde der "marktgemachten" Finanzkrisen etwas ganz anderes (?) lauert - die von uns, den "westlichen Bildungsbürgern 2.0" und unserer Selbstzufriedenheit aufgestaute europäische Geisteskrise. Wir stecken kulturell und denkerisch bis zum Hals darin - und können uns kaum noch bewegen. Kommt ein Dammbruch? Hoffen wir weiter darauf, die Unwetter mögen an uns vorüberziehen? Oder prosten wir uns mit unserem HUGO dauerfröhlich-wellnessgestärkt zu und fragen abwinkend-grinsend: Krise? Welche Krise??       
            

Samstag, 11. Februar 2012

Die griechische Tragödie (2)


9. Februar, Sonne am Morgen: links vom Balkon die freundliche Hafenbucht von Volos von der man sagt, dass hier einst die Reise der Argonauten begann. Rechts schneebedeckte Berge über der weiß verschachtelten  Stadt:  Das ist der Pylion, der lokale Bergzug der Halbinsel im thessalischen Gebirge, in dessen Wäldern die Zentauren hausten (Anastasia sagt, wenn man lange genug sucht, kann man noch welche finden, sie sprechen aber nur Altgriechisch – ein Glück, dass ich das mal an der Uni gelernt hab).  Der für heute befürchtete viele Schnee ist ausgeblieben, stattdessen in den engen Straßen Seewind sowie hier und da zwischen den parkenden Autos Granatapfelspaliere mit trockenen oder geplatzten Früchten und überall Orangenbäume voller leuchtender Früchte. Apostolia meint, das seinen allerdings keine Orangen, sondern bittere Nefrangen (nie zuvor gehört, keine Ahnung, wie man das schreibt), eine ungenießbare Urform der Orangen, aus denen man aber Süßigkeiten machen kann. (Ich wills kaum glauben, aber es wird wohl stimmen.)
  Wir fahren in ein Gymnasium ein Stück die Stadt hinauf Richtung Berge. Eine dreistöckige Neubauschule umschließt dreiseitig den Schulhof, auf dem gerade eine Klasse in Wintersachen Gymnastik macht.  Im unbeheizten Deutschraum werden wir auf abgeranzten Kindermöbeln empfangen. Die lokale Deutschlehrerin, die wir in der Pause kennenlernen, hat als Grundschülerin in Lippstadt gelebt und später in Thessaloniki Deutsch studiert, sie sagt, hier lernen mindestens die Hälfte der Gymnasiasten Deutsch als zweite Fremdsprache, denn sie hoffen später Medizin oder Jura in Deutschland studieren zu können. Außerdem gilt Französisch als Mädchensprache und deutsch als männlich – deswegen sind die Jungs geschockt, wenn sie im Unterricht erfahren müssen, dass man auch im Deutschen lächerlich peinliche Laute wie „Ü“ oder „Ö“ erlernen muss. Die griechischen Lehrerinnen haben Kuchen für uns gebacken und Anastasia fragt mich spitz, ob ich mit ihrer „voluntarily work“ zufrieden sei.
  Abends kurzer Spaziergang zum nahen Kai, die Stadt sieht insgesamt frisch, modern und belebt aus: Im Dämmer schaukeln weiße Boote und Yachten, in der Ferne der weiten Bucht ein Wirtschaftshafen, aber nichts scheint überkandidelt, die saisonbedingt geschlossenen Seehotels machen einen soliden, freundlichen Eindruck. Zwar scheint es hier null Prozent Antike und hundert Prozent Gegenwart zu geben, auch die wenigen Basiliken auf den kleinen Plätzen sind neu, die Straßen sind engbebaut, die überall vorherrschende Farbe ist ein verwaschenes Weiß, aber alles wirkt belebt, entspannt und im rechten Maß, selbst der Feierabendstau auf der Uferhauptstraße. Im Abendwind fliegen still ein paar Krähen landeinwärts, eine Gruppe Möwen kreuzend.
  Abends in  der Kneipe hervorragendes Zitronenschwein, Wein in Kannen und Bouzoukimusik: Zwei junge Männer singen sich den Abend über die Seele aus dem Leib. Alessio kann mir auch nicht erklären, was mit den Italienern los ist; aber er sagt, er fühlt sich schuldig, dass seine Generation so tatenlos zusieht, wie sich nichts ändert. Er ist eigentlich Verfassungsrechtler, jetzt erforscht er soziale Verhältnisse in italienischen Gefängnissen. Die Griechen und Zyprioten sitzen heute alle am Ende der Tafel zusammen, um nicht mit uns diskutieren zu müssen: Gegen Mittag hat die griechische Regierung gegenüber der EU kapituliert und ist auf nahezu alle enorm restriktiven Forderungen eingegangen, um die nächsten Subventionen zu erhalten, die allein den sicheren Staatsbankrott abwenden können. Für die nächsten zwei Tage ist deswegen ein landesweiter Generalstreik angesagt – wenn wir Pech haben, fahren nicht mal die Busse nach Thessaloniki, geschweige denn, dass am Samstag unser Flugzeug abheben wird.