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Freitag, 15. Januar 2016

Kleine Erinnerung an Kurt Masur

Dem legendären Dirigenten bin ich mehrfach bei irgendwelchen öffentlichen Anlässen im Leipziger Gewandhaus begegnet, doch es kam niemals weiter als zu einem höflichen Händedruck in offiziöser Runde von Kulturhonoratioren.
  Einmal aber rief eines dunklen Winterabend (es war, denke ich, Ende 2006) später am Abend jemand bei mir an und sagte mit tiefer, ruhiger Stimme "Hier ist Kurt Masur." - Woraufhin ich geistesgegenwärtig antwortete: "Und hier spricht Albert Einstein." und auflegte.

... kaum eine Minute später klingelte das Telefon wieder durch die stille Wohnung und die gleiche ruhige Stimme meldete sich: "Hier spricht wirklich Kurt Masur und ich möchte mit Ihnen über Ihr Leipzigbuch sprechen."  Ich war baff, er war es tatsächlich. Er rief von irgendwo aus den USA an, wo er gerade gastierte und hatte über den Buschfunk seiner Leipziger Bekannten von meinem Vorhaben gehört, mit einem Sachbuch über den 9. Oktober 1989 die Diskussion um die "Friedliche Revolution" und die Rolle Leipzigs um einige mir wichtige Aspekte zu ergänzen - etwas, wozu er mich ausdrücklich ermutigte und worüber ich nun für etwa eine halbe Stunde mit Kurt Masur diskutierte. Wir waren uns weitgehend einig in der Bewertung dieser Sache und selbst bei der Feststellung, dass der von Masur initiierte "Aufruf der Leipziger 6" von jenem Tag äußerst wirksam und hilfreich, aber keineswegs die Ursache für den geradezu unfassbar glücklichen Ausgang dieses Tages und seine weiteren Folgen war ... (siehe auch: "Der Tag, der Deutschland veränderte".) Was für ein kluger und sympathischer Mann auch jenseits seiner musikalischen Verdienste, dachte ich damals.

Das letzte Mal, dass ich ihm begegnete, war zu einer offziellen Jubiläumsfeier am 9. Oktober 2009 im Gewandhaus. Masur sollte zu Beginn der Zeremonie (es sprach Bundespräsident Köhler, die Kanzlerin war anwesend) den musikalischen Auftakt mit dem Gewandhausorchester dirigieren. Weil das Podium anders als üblich mit allerlei Zubehör bestückt war und er neben den Ehrengästen in der ersten Publikumsreihe saß, musste Masur für seinen Auftritt von der Seite über eine schmale Treppe ohne Geländer hinaufsteigen. Der alte Meister (damals immerhin schon 82) strauchelte beim Hinaufsteigen, es gab plötzlich einen fürchterlich lauten Schlag und Kurt Masur war verschwunden - neben der Treppe in den Orchestergraben gestürzt.
  Für einige lange Sekunden war es in dem voll besetzten Gewandhausrund (1700 Plätze) plötzlich ganz und gar still - man konnte alle ein und denselben erschrockenen Gedanken denken sehen "Ist er jetzt tot?" ... Noch wagte niemand sich zu rühren, da rief eine tiefe, ruhige Stimme irgendwo aus dem Orchestergraben laut und fast fröhlich: "Alles in Ordnung. Nichts passiert!"  ...
  Masur dirigierte damals seinen Beethoven so innig wie eh und je (erst später stellte sich heraus, dass irgendetwas an der Hüfte gebrochen war und Masur sich für einige Zeit schonen musste) und weil Präsident Köhler anschließend eine teilweise fragwürdige Rede hielt, die für Aufregung und große Diskussionen unter den geladenen Gästen sorgte, vergaßen die meisten den Zwischenfall mit dem Sturz des Meisters in den Orchestergraben an jenem Tag. Auch ich selbst erinnerte mich erst bei der Nachricht vom tatsächlichen Tod des Meisters im Dezember 2015 wieder daran.
  Kurt Masur war ein großer Musiker, ein bravouröser und souveräner Verwalter eines musikalischen Welterbes, und er wusste ganz genau, dass er es war. Aber er war menschlich vollkommen unprätentiös und von dem Wunsch beseelt, seinen Ruhm zum Wohl der Allgemeinheit zu nutzen. Das hat mich wirklich beeindruckt, vielleicht sogar noch mehr, als die vielen wunderbaren Konzerte, die ich ihn dirigieren hörte und in denen ich nie einer Partitur bis zum Ende folgen konnte, weil mich die Musik jedes Mal zu tief in einen Gedankenstrudel zog, der mich alles um mich herum vergessen ließ...

PS fun fact: Während am Abend des 9. Oktobers '89 in Leipzig die wichtigste - natürlich illegale - Demonstration in der Geschichte der DDR um den Leipziger Innenstadtring zog, die schließlich das Ende der SED-Diktatur besiegelte, wurde über den Stadtfunk der Aufruf der Leipziger 6 in die Straßen übertragen. Ich saß im Auge des Orkans im Altarrraum der völlig überfüllten Nikolaikirche und spielte für die um ihre Zukunft bangenden Leute meinen Song vom "Frischen Wind" und anderes mehr - während Kurt Masur im Gewandhaus planmäßig Till Eulenspiegels lustige Streiche von Richard Strauss dirigierte...


 
  

Mittwoch, 25. Februar 2015

kosmonautenwalzer




ein fiebriges bündel aus tönen
flirrt im bogen gespannt
über dem kasten


flatternde finger
schwirren in schleifen
über vibrierende wellen
die wachsen


aus winzigen schlägen
entsteht ein gebilde
aus luft eine weite
die lebt


die hallt und schwebt 
ist vorhanden
und bleibt


noch stunden
nachdem wir
 

verschwanden





kosmonautenwalzer - Gedichte.  Illustrationen von Wienke Treblin. aphaia Verlag, Mitleseheft 108, Berlin 2015. (Künstlerbuch in limitierter Auflage. Premierenlesung mit Live-Musik von Tomi Simatupang am 4. März 2015 in der Lettrétage Berlin.)

Montag, 22. Dezember 2014

sommerlied (1977)


Dort wo du hinschaust, geht ein Wind vorüber,
die Bäume über dir sind von ihm voll.
In deinen Händen riecht die Luft nach Ernte,
als ob die Zeit der Reife kommen soll.
.
Ich seh dich an und seh durch dich den Sommer.
Ich bin der Gast in dieser Sommerruh.
Ich möchte so noch gerne etwas bleiben.
Der Sommer meint es gut mit mir. Wie du.


(Heinz Kahlau)

Freitag, 16. November 2012

Chile Blog (4 - Besuch bei Neruda)


Santiago de Chile - Donnerstag, 15. November 

Morgens gehe ich mit Julio aus dem Haus; er zur Arbeit, ich auf Stadtexpedition. Zuerst fahre ich mit der Metro bis ins Herz der Stadt, nach La Moneda. Hier steht der Regierungspalast, der bei Pinochets Staatsstreich gegen Allende 1973 zerstört wurde – und nach dem Ende der Militärdiktatur wieder aufgebaut wurde. Heute gibt es hier ein großes unterirdisches Kulturzentrum mit Museen und Galerien - sowie die größten Erdbeeren der Welt (siehe Foto - die sind fast so groß wie die Avocados, die auch gerade Saison haben) und die süßesten Bonbons von ganz Südamerika.
  Von dort aus laufe ich der Nase nach durch die Stadt und stelle mit Entsetzen fest, dass mein nützlicher innerer Kompass, auf den sonst immer Verlass ist, hier überhaupt nicht funktioniert – beziehungsweise: genau spiegelverkehrt! Will sagen: Wenn ich 1 km nach Norden gehen will, lande ich 1 km im Süden, will ich nach Osten, lande ich im Westen – immer exakt spiegelverkehrt zu meinem eigentlichen Ziel… liegt es daran, dass die strahlende Sonne auf der Südhalbkugel andersrum
steht
? Oder richtet sich mein Orientierungssinn vielleicht instinktiv nach dem Magnetfeld der Erde und das ist hier auf Süd gepolt?? Ich habe keine Ahnung, aber es passiert mir an diesem Tag immer wieder, selbst wenn ich mir vornehme, vorausschauend spiegelverkehrt zu denken… verdammt, das gab‘s noch nie!! Egal, die Stadt ist angenehm und es gibt viel zu sehen, deshalb ist fast gleich, wo ich zwischendurch lande… Am Ende komme ich doch immer dort an, wo ich hin will.

  Mit Hilfe netter Studenten und der Metro finde ich schließlich das Ziel meiner zweiten Etappe: Santa Lucia. Hier gibt es unter anderem einen ruhigen Schnickschnack-Markt der Einheimischen, den ich durchwandere und mir einen Riesenbecher köstlichen Fruchtsaft aus drei frischen Fruchtsorten gönne (deren Namen ich natürlich längst wieder vergessen habe…).  Dann laufe ich hinüber zur Nationalbibliothek und dem schattigen Park voller hoher Palmen und Araukarien. Daneben erhebt sich pittoresk ein dschungelgrüner Hügel mit Treppen und Türmchen – Santa Lucia, das ist auch ein Park mit Felsen, Grasterrassen und riesigen Bäumen, eine duftende Oase in der Stadt. Ich plaudere mit ein paar herumlungernden studentischen Aktivisten, die seit Monaten gegen die teure Bildung protestierten und amüsanter Weise hoffen, dass ich ihr Sponsor werde...

Entlang des hügeligen Parks wandere ich in der Mittaghitze vorbei an den vielen Brunnen und Kirchen druch die Straßen dieser Stadt bis hinüber zum Plaza Italia. Unterwegs überall diese blühenden Bäume, deren glockenblumenzarte Blüten alle Fußwege mit hellvioletten Federchen übersäen, als wären in der ganzen Stadt für ein Brautpaar Blumen gestreut. Am Italienplatz steht der Telefonikaturm stolz und postmodern; der reißende, schlammbraune Río Mapocho strömt mit  irrsinniger Geschwindigkeit unter den Straßenbrücken aus den Kordilleren (die sich in dunstiger Ferne fast unsichtbar aber mächtig über der Stadt erheben) hinunter zum Meer.  Hinter dem tempelhofartigen Gebäude der großen Universität steht auf einem grünen Hügel die Madonna von Santiago und segnet aus der Ferne mit zartweißer Hand das Land.

Am Fuße des grünen Madonnenhügels aber liegt mein eigentliches Ziel für diesen Tag: Die Fundacion Pablo Neruda. In einer stillen grünen Seitengasse hatte sich Neruda in den vierziger/fünfziger Jahren ein kleines verwinkeltes Liebesnest nach Art einer Seemannsbehausung an den Hang bauen lassen, als sei dies der Steilhang einer Küste. (In Wirklichkeit sah man damals, wo heute die Hochhäuser der Innenstadt die Sicht beherrschen, bei gutem Wetter die weitläufigen Bergzüge der Andenkordilleren in voller Breite.) Heute ist das Häuschen, dass sich mit allerlei schattigen Plätzchen, Treppchen und dichtem Baumbestand über drei Ebenen an den Berg schmiegt, ein Museum. Carlos, der Pressechef der Stiftung, begrüßt mich freundlich, er bedauert, dass bei der Kürze meines Aufenthaltes leider keine Lesung mit mir zu organisieren war, aber er wird als Ausgleich arrangieren, dass ich am Samstag auch an der Küste vor Valparaíso im anderen Haus der Stiftung, dem Alterssitz Nerudas, empfangen werde... höflich sind sie zu den Dichtern, die Chilenen.
 
Durch das Haus führt mich dann Alvaro (der natürlich nur zur Aushilfe hier arbeitet und eigentlich auch Dichter ist); leider darf ich im Inneren dieses wunderbaren Häuschens wie alle Besucher keine Bilder machen. Er kennt dafür allerlei Schnurren aus dem wilden Liebes- und Dichterleben Nerudas, er zeigt mir die geheimen Türen, durch die er seine Gäste gern als Pirat verkleidet erschreckt haben soll; er macht mich auf die vielen Kuriositäten aufmerksam, die der weltreisende Neruda zusammengetragen hat, aber er weiß auch, dass dieses Haus nach Nerudas Tod (nur 12 Tage nach Pinochets Staatstreich) bis auf die schweren Tische vom Militär verwüstet und ausgeräumt wurde und alles, was wir jetzt sehen, von Nerudas „Witwe“ Matilde Urratia (in Wirklichkeit hat Neruda nur die erste seiner drei Frauen geheiratet - die Nebengeliebten mal ganz außeracht gelassen - er wurde nie geschieden; diese Sängerin blieb jedoch nach sein Tod hier in Santiago wohnen), die - anders als Neruda, der noch zwei weitere Häuser besaß - in diesem Haus starb, ehe es Stiftung und Museum wurde, im Geiste Nerudas wieder neu eingerichtet wurde.

Im unteren Bereich, dem Steinhaus an der Gasse, gibt es gleich hinter einer effektvollen kleinen Willkommens-Bar das niedrige, tunnelartige Esszimmer und dahinter die Küche. Hier hat der gesellige Neruda ständig Gäste aus aller Welt empfangen. Der ruhelose Poet, der im Laufe seines in jeder Hinsicht bewegten Lebens in zig Ländern gelebt hat, war definitiv ein Seefahrertyp: Überall gibt es Schiffslaternen und Muscheln und hölzerne Einrichtungsgegenstände, selbst die Zimmerformen erscheinen ganz wie auf einem Schiff. Auf der zweiten Ebene, in die man über ein paar Stufen durch den Garten den Hang hinauf erreicht,   findet sich ein Kaminzimmer mit einem herrlichen Rundblick über die Stadt hinüber zu den majestätischen Kordilleren. Überall hängen Gemälde von Malerfreunden wie Diego Riviera bis hin zu einer Caravaggio-Replik eines sich im Kerzenschein räkelnden Kleinkindes (von dem Neruda angeblich behauptete, es zeige ihn als Säugling). Atmosphärisch erscheint mir das verwinkelte Anwesen wie eine Mischung aus Günter Grass‘ holzgeschnitztem Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert in Wewelsfleht – denn überall in Nerudas Haus knarren Dielen, wendeln sich enge hölzerne Treppchen, gibt es geschnitzte Borde und Türrahmen – und dem ostseehellen, pflanzenumwucherten Hanna-Höch-Häuschen in Berlin Heiligensee, mit Zimmerchen, hellen Fenstern und einer natürlich-maritimen Gestaltung, die Innen und Außen gleichermaßen zu einem Gesamtbild verwachsen lässt.


Auf der abgelegenen dritten Ebene des kleinen Anwesens, noch weiter den Hang hinauf, findet sich dann Nerudas schattiges Studio (auch hier, wie schon vorher, ein paar handgeschriebene Gedichtentwürfe im Original, aber unter dem Schreibtischglas), hier sieht man in einer Vitrine Nerudas gesammelte Preise – von Stalins "Lenin-Friedenspreis" bis hin zur Nobelpreismedaille für Literatur (die er im gleichen Jahr wie Willi Brand den Friedensnobelpreis bekam). An den Wänden altertümliche Stiche von Walfängerabenteuern an der Küste von Valparaíso sowie Fotos von Nerudas trauriger Beerdigung kurz nach dem Sturz Allendes. (Alvaro weißt mich auf einige alte Fotos von Idolen und Freunden Nerudas hin, neben Whitman, Majakowski und Rimbaud auch Marcel Marceau, der als persönlicher guter Freund selbst oft in diesem Haus Nerudas zu Gast gewesen sei. Alvaro meint, Marceau, der weltberühmte Pantomime, hätte anlässlich Nerudas Tod zum ersten und einzigen Mal auf der Bühne etwas gesagt.)

  Ich trinke noch einen Kaffee im Schatten der Bäume von Nerudas arkadischem Santaigoer Liebesnest La Chascona und verabschiede mich dann von Alvaro. Unten in der Stadt verlaufe ich mich prompt wieder exakt seitenverkehrt, was ich erst nach zwei, drei Kilometern bemerke, sodass ich ausnahmsweise eines der schwarz-orangefarbenen Asphalt-Gaucho-Taxis zur Hilfe nehmen muss, um am späten Nachmittag für eine dringend nötige Pause in Julios Dichterdomizil in der Providencia zu gelangen … (hrgg!)

Julio kommt ziemlich spät und geschafft  von der Arbeit, aber auch ich bin noch nicht fertig mit allen, was zu tun ist, dabei haben wir heute noch so viel vor: Neben den Übersetzungen, die fertigzustellen sind, sind wir heute noch zum Konzert von PANICO ein geladen - die sind hier in Santiago angeblich ja ein ganz großes Rock-Ding. Und wir kennen die Bassistin-Sängerin... Der Einfachkeit halber machen wir uns per Taxi auf den Weg zum Museum der schönen Künste, einem klassischen Museumsbau mit schmiedeeisernen Gittern und Löwen vor der Tür (nicht tatsächlich, aber es fühlt sich so an...). Unterwegs ruft Julio jemanden an und stell sein Handy auf laut: "Hallo wer ist da?" ruft eine alte Frauenstimme auf Deutsch; Julio antwortet etwas auf Spanisch und dann wird aufgelegt. "Das war sie." meint Julio. "Wer?" frage ich. "Margot." sagt Julio. "wenn alles klappt, sind wir Samstag abend in ihrem Haus." Margot Honecker, die Großmutter von Julios Dichterfreund Roberto Yanez.

  Das Konzert ist eigentlich eine Filmpremiere, der Film, den PANICO in der Atacama-Wüste gedreht haben, läuft schon, als wir kommen; aber da wir nicht offiziell auf der Gästeliste stehen und drinnen alle ihre Handy ausgestellt haben, kommen wir nicht rein.  Julio zeigt mir also erstmal das Viertel und wartet, ob jemand von drinnen zurückruft. Wir finden in einer Szenebar einen lustigen Laden, in dem es Voodopuppen von Pinochet und Chiles amtierenden Präsidenten Sebastián Piñera gibt, aber auch niedliche wollene Kuschelpuppen von Sokrates oder Charles Darwin sowie sogar Fingerpuppen von Tolstoi oder Baudelaire - leider erlesen handgearbeitet und alles viel zu teuer, um es als Spaß mal eben mitzunehmen. Dann  meldet sich Ingrid Isensee, die Filmschauspielerin, auf Julios Handy - sie ist noch gar nicht im Museumstheater, sondern kommt gerade erst von der (Casting-) Arbeit. Wir setzen uns in eine Bar und trinken chilenisches Honigbier bis uns Ingrid (wieder strahlend und  im überzeugenden Stil gekleidet, siehe Foto) abholt, und mit dem Charme ihrer Prominenz durch alle Kontrollen in den überfüllten Saal führt, wo nun bereits das Live-Konzert der Band nach dem Film begonnen hat. Die Musik beginnt psychedelisch (ein Peyote-Trip in den späten Sechzigern, einigten Julio und ich uns, und strichen uns demonstrativ unsere nicht mehr vorhandenen langen Haare hinter die Ohren...). Leider geht das fast eine Stunde so weiter, um dann am Schluss für 3 Minuten in einen großartig trockenen Elektro-Rocksong zu münden. Das war's. Leider. Genug für uns, Mitternacht war vorüber, und alte Knaben wie wir müssen ins Bett weil morgens früh raus.


Mittwoch, 14. November 2012

CHILE Blog (2 - Ankunft in Santiago)


Santiago de Chile - Dienstag, 13. November

Früh am Morgen verschwindet Julio zur irgendeinem dienstlichen Außentermin. Mein Radio-Interview verschiebt sich um einen Tag, sodass ich endlich Zeit habe mal ein wenig zu bummeln (das erste Mal auf dieser Tour); also ausschlafen, duschen, lesen, schreiben, Gepäck sortieren, einkaufen gehen usw.; Julio hat ausgezeichneten guatemaltekischen Bauern-Kaffee, den ich in großen Tassen zu mir nehme während draußen in der heißen Sonne der Verkehr von Santiago um das Haus braust (einmal dachte ich deswegen gar, ich hätte die Dusche angelassen). Den Mittagsimbiss hole ich mir im Kiez-Lebensmittelladen nebenan.
Nachmittags mache ich mich auf den Weg in die Stadt, ich bummele in der trockenen Hitze des Tages langsam Richtung Zentrum und genieße das südländische Flair dieser Gegend, in der es besonders viele Privatuniversitäten und kleinere Banken zu geben scheint. Schließlich steige ich hinab in die Metro, um etliche Stationen bis ins Herz der Stadt zu fahren. In einer ruhigen Seitenstraße finde ich die Universidad Diego Portales. Nach einer Minute Wartezeit braust Julio in seinem blauen Zauber-Suzuki heran und wir betreten die angenehm kühle und helle Universität, die mir wegen ihrer fröhlichen Farben fast wie eine Grundschule vorkommt. An den Wänden hängt hier und da ein Poster mit meinem Konterfei, daneben dunkle Gedächtnisposter für einen Dozenten, der vor einem Monat bei einem Sturz in den Fahrstuhlschacht dieses Gebäudes starb. 

 
Wir besuchen Rodrigo Roja, den Leiter der Abteilung Kreatives Schreiben, in seinem Büro, später treffen wir auch Prof. Kurt Folch, den Chef der Fakultät. Beide gehen mit uns in das Seminar für literarisches Übersetzen, bei dem ca. 12 Studenten mit Julios Übertragungsentwürfen von vier meiner Gedichte konfrontiert werden. Bei Keksen und wilden Diskussionen zerpflücken sie gemeinsam meine „Malaria“, wobei mir besonders zwei Jungs auffallen, die meinen deutschen Text offenbar noch genauer lesen als Julio und ihn mehrfach auf raffinierte Wendungen aufmerksam machen, die schon im Deutschen schwer zu verstehen sind – und dies, obwohl sie kein Deutsch können und nur die autorisierte englische Fassung als Hilfe haben. Nach anderthalb Stunden ist natürlich noch nicht einmal dieses Gedicht fertig besprochen; alles in allem habe ich von den Disputen auch nicht sehr viel verstanden, aber das Seminar ist zuende, wir plaudern noch ein wenig mit den Dozenten und brausen dann mit den himmelblauen Zaubersuzuki zurück nach Hause.

 
Abends schwingen wir uns auf die Räder und radeln um die Ecke, um Ingrid abzuholen. Das sie eine besondere Person ist, wird sofort klar, wenn man sie selbstbewusst und anmutig aus ihrem Wohnblock treten sieht: mit Kleid, Tuch und Tasche in unauffälligen, aber femininen Pastellfarben tritt sie als mädchenhaft-zerbrechliche Lady auf, deren Alter schwer zu schätzen ist. Selbst ihr Fahrrad passt auf dezente Weise zu diesem unaufdringlichen, aber überzeugenden Stil. Ingrid Isensee spricht Deutsch, aber sie hasst ihren „Oma“-Namen (vollständig: Ingrid Karina Isensee) und all dies verdankt sie irgendwelchen ihr ziemlich fremden germanischen Vorfahren, die ihre Eltern mit der Erziehung in ewigen Ehren halten wollten. Ingrid ist eine angesagte Filmschauspielerin (in einem deutschen TV-Film über Chile hat sie u.a. vor einiger Zeit die junge Hannelore Elsner gespielt), aber vor allem spielt sie im chilenischen Gegenwartskino. Fröhlich, unprätentiös und ein wenig melancholisch radelt sie mit uns durch das dämmernde Santiago und ringt um vergessene deutsche Vokabeln. 

 
Wir alle sind eingeladen zu einem Freundschafts-Essen bei Alicia, einer chilenischen Filmregisseurin, anlässlich des Besuches eines italienischen Filmemachers, Alessandro, der demnächst im Süden Chiles einen Road-Movie über zwei italienische Homosexuelle drehen will... Etliche chilenische Aktivisten der hiesigen Filmszene nehmen teil an der lockeren Wohnzimmer-Zusammenkunft, bei der es indisches Essen aus Töpfen vom Tischbuffet gibt. Die Gespräche sind atmosphärisch familiär und wirklich interessant (unter anderem mit der französischen Sängerin der in Chile und Frankreich sehr populären Rockband PANICO, die gerade einen Experimentalfilm in den nördlichen Wüsten Chiles abgedreht haben…); besonders spektakulär jedoch ist die Aussicht von Alicias Balkon auf den schier endlosen Sonnenuntergang über dem abendlichen Zentrum Santiagos ...


Montag, 12. November 2012

Brasilienblog (8 - nachts in Mangueira...)


...noch Sonntag, 11. November – Mitternacht…

>> Plötzlich öffnete sich die Stirnseite des Saales; die Stoffverkleidung entpuppte sich als Vorhang - hinter dem überraschender Weise ein einziger Schlag erklang, der das Dröhnen der Sambaband unten im Saal spielend übertönte. Es eröffnete sich der Blick auf eine breite Empore, auf der dichtgedrängt etwa 120 Menschen mit Schlaginstrumenten standen, die auf ein Zeichen ihres Meisters (ein Mulatte im roten Polohemd) plötzlich mit ganzem Körpereinsatz zu spielen begannen, als ginge es um ihre Leben. Die Schallwelle erreichte unsere Brustkörbe wie ein Tsunamiberg aus Klang und Rhythmus, es war unmöglich, sich dieser Wirkung zu entziehen. Wir blickten uns an und waren mittels Sekunden von dem Dauerfeuer dieses gigantischen Percussionsorchesters  - der Batteria- erfasst. Unten im Saal brach unbeschreiblicher Jubel aus, die Weite der Halle füllte sich augenblicklich mit hunderten Tänzern aller Hautfarben und Kleidungsstile, die ihre Beine wirbeln ließen als gäbe es kein Morgen.

Abgelenkt von der Wucht der Batteria (deren unentwegte, ohrenbetäubende Rhythmen man buchstäblich in allen Knochen fühlte) war mir nicht aufgefallen, dass sich unter den Tänzern an zwei Stellen im Saal Doppelreihen aus rosa-grün gekleideten Sambatänzern positioniert hatten (die Männer mit weißen Hüten, die Frauen mit knappen Kleidchen). Jetzt zeigten sie in lockeren Formationstänzen, wie man den Samba angehen muss: Lässig in den Hüften und ein Lächeln im Gesicht, aber mit Beinen, die trippelten und wirbelten, dass keine Kamera der Welt ihnen folgen könnte. Sie schufen sich mal hier, mal da im Saal Platz unter den Tänzern, die ihnen begeistert folgten. Und allmählich begriff ich, dass das Ganze einem ausgeklügelten System folgte: Es gab ein komplexes, aber festgelegtes Wechselspiel zwischen den Tänzern, der Batteria und der Sambaband; eine ausgeklügelte Choreographie der Stile und Sensationen über die ganze Weite der Halle hinweg, dem die Menge begeistert und ohne jede Pause folgte.
  Diese Nacht ist die öffentliche Probe des Sambaclubs von Mangueira, der derzeit legendärsten aller Sambaschulen von Rio, und das hier war nicht für Besucher wie uns gedacht, sondern eine leidenschaftliche Probe für alle Anhänger und Mitglieder dieses Clubs aus dem hiesigen Viertel. Es ging um nicht weniger als die Durchlaufproben für den Straßenkarneval von Rio, bei dem im kommenden Februar wieder die zwölf besten Clubs der Stadt um den Sieg streiten würden und dafür mussten jede Bewegung, jede Synkope perfekt sitzen, denn Mangueira hatten den Ruf der Meisterschaft zu verteidigen. Manchmal erklang unvermittelt ein ruhigeres Lied von der Saaltribüne in der Mitte – bekannte Sänger des Viertels enterten dafür mit ihren Musikern die Bühne und wurden vom Volk bejubelt, ehe die Masse zu ihrem Gesang in den nächsten Tanz ausbrach. Dann wieder übernahm die Batteria mit der Gewalt erneuter akustischer Vulkanausbrüche die Führung und die Tänzer formierten sich zu neuen Figuren und Formen, ohne dass jemals mehr als eine halbe Sekunde Pause entstehen konnte.
  Der Saal bewegte sich entlang der mitreißenden Musik stetig in Richtung Ekstase und auch wir, die wir anfangs nur verzückt auf das Treiben da unten geglotzt und ein wenig mit den Knien gewippt hatten, mussten jetzt hinunter in den Saal und uns unter die tobende, hundertköpfige Meute mischen. Während wir lachend und schwitzend in der Menge zappelten, fiel mir ein, dass es nach Mitternacht sein musste, mithin Martinstag: Vermutlich gab es noch nie einen passenderen Karnevalsauftakt als diesen hier in einer bebenden Sambahalle von Rio – auch wenn sich im katholisch geprägten Brasilien niemand um diesen Tag scherte und so etwas wie Karnevalsanfang hier gar nicht existierte…
  Wer in Rio lebt, also fast jeder von den ca. 10 Millionen echter Cariocas, gehört von Kindheit an das ganze Jahr über zu einem der Sambaclubs, die nach Stadtvierteln organisiert sind: Der Verein und die Farben des Vereins sind existenzieller Teil der persönlichen Identität und werden ebenso leidenschaftlich geliebt und verehrt, wie die Fußballclubs – und immer geht es darum, besser zu werden, um die anderen im Wettstreit um die Meisterschaft zu besiegen. Die Fahne des Sambaclubs ist eine Reliquie, die von allen auch genauso verehrt wird. Unsere (ja genau, Mangueira, der Mangobaumclub, war jetzt plötzlich auch unserer) Fahne war natürlich rosagrün, aus schwerem und handbesticktem Seidenstoff. Sie stand feierlich an der Boxringbühne, immerfort gingen Leute zu ihr hin, küssten sie und ließen sich mit ihr fotografieren. Und weil alle hier zu diesem Club gehören wollten und sollen, war die Menge im Saal auch so buntgemischt: Hier tanzten kleine sechsjährige Mädchen und Jungen mit atemberaubenden Tanz-Moves zwischen ausgeflippten Paaren; alte Herren in weißen Anzügen führten filigrane Choreografien mit ihren weißen Schuhen und Hüten auf, es gab Fußballfans in Trikots und Normalos in Jeans oder Jogginghosen; es tanzten Weiße, Mulatten oder Afrobrasilianer alle Schattierungen, Schwärme schöner junger Frauen, einsame Männer mit und ohne Muskeln, schwule Ballerinas und Dragqueens mit dem unglaublichsten Hüftschwung der Welt. Alle hatten sich etwas Besonderes angezogen, die Clubtänzer trugen Vereinsfarben – alle waren geschmückt, aber niemand war kostümiert. Alle waren ausgelassen und ließen sich von den Wellen der Musik und der Tanzbegeisterung tragen und antreiben, aber es gab kein Programm. Dieser Samba kam gänzlich ohne Flitterdeko und Späßchen aus – er besteht nur aus einem Ozean hochkomplexer Rhythmen und der Energie gemeinsamer Bewegung.
  Diese Wucht und diese lässige, aber unbedingte Leidenschaft all der ausgelassenen Verrückten, die hier einfach tanzten, tanzten, tanzten was die Knochen hergaben und wie ihnen der Sinn stand – das war schier unglaublich. (Jeder Rave, jeder Ball den ich bislang erlebte, war steifer, gekünstelter Kindergartenspaß gegen dieses Ereignis der ungebremsten Lebensfreude. Und dieses Unglaubliche schien hier etwas ganz Normales, Alltägliches, etwas so Echtes und Verbindendes… mir liefen, während wir im Dauerfeuerwerk der Klänge tanzten, die Tränen, weil ich diese Überfülle an Freude einfach nicht fassen konnte… und war nicht der einzige, Fabiana, einer echten Carioca aus dem Festivalteam, die neben mir in unserem Schwarm tanzte, ging es genauso… Mann, und das hier war ja nur eine Probe…)
  Nach etwa zwei Stunden änderte sich etwas in der Atmosphäre, man spürte, dass etwas bevorstand. Wir stiegen wieder hinauf auf unsere Betonloge und sahen von dort, wie eine neue Tanzformation in bestickter Tänzerkleidung ein Areal vor der Mittelbühne besetzte. Die auf der Empore unentwegt hin und her wogende Batteria schickte einen neuen Rhythmus-Schwall in die Halle und in die Mitte der Tänzer hielt sie Einzug.
.. Diese schlanke Tänzerin (mit edlem Tanzrock und wehenden langen Haaren das Idealbild eine lateinamerikanischen Schönheit) war die strahlend junge Königin des Clubs – ihre Schönheit erlaubte ihr als einziger in diesem Jahr die Fahne des Vereins in den Tanz zu führen. Begleitet von einem bohnenstangen-langen Afrobrasilianer (er im beigen Anzug und mit dicker weißer Sonnenbrille) schwebte sie in ihrem Vereinsköniginnenkleid mit größter Leichtigkeit und der Anmut einer Märchenprinzessin über den Tanzboden, ließ die Fahne und ihre Haare in immer neuen Formationen fliegen und riss die Menge zu weiteren Jubelstürmen und noch leidenschaftlicheren Tänzen hin. Fabiana schrie mir ins Ohr, dass sie, seit sie ein Kind war, immer davon geträumt habe, einmal die Fahnenträgerin sein zu dürfen, aber es hätte nicht geklappt und jetzt gehe sie auf die fünfzig zu… aber dann machte sie mich auf eine alte Lady und ihren würdigen Begleiter aufmerksam, die beide mit königlichen Trippelschritten in Richtung der Sambakönigin tanzten. Das sei eine der Bahias, eine der zwölf ehrwürdigen Zauberinnen, die den Sambazug und seine Königin begleiten würden, um sie vor schlechten Einflüssen zu schützen, denn diese alten Damen symbolisierten die Verbindung zum Ursprung des Sambas in den Tänzen und Riten der afrikanischen Sklaven von Bahia (einer Region nördlich von Rio). Die Tänzerkönigin und die Bahia begegneten sich schließlich, die Bahia küsste die Fahne, die ihr die Tanzkönigin reichte, und sie, die auserwählte Fahnenträgerin, verneigte sich vor der Bahia – an dieser Stelle wurde der Jubel der Massen in der Halle fast lauter als das ohrenbetäubende Dauerfeuer des hundertzwanzig Percussionistas auf der Empore: Der Saal kochte in höchster Ekstase (und Fabiana wischte sich weitere Tränchen aus dem strahlenden Gesicht)…
 
Wir blieben nicht die ganze Nacht dort (das würden Normalsterbliche wie wir gar nicht überleben) und sahen das Ende der Zeremonien nicht, aber wir verließen den Sambaclub (von dem wir immer noch nicht glauben konnten, dass er für jedermann offen und gratis war und dass es sich nur um eine Probe handeln sollte) erst Stunden nach dem wir es eigentlich geplant hatten. Zum ersten Mal gab es auf diesem Heimweg im Dichterbus keine höfliche Konversation – alle rangen mit glühenden Gesichtern um Fassung und versuchten sich gegenseitig zu erklären, was wir da eben gesehen und gehört hatten … Selbst unsere zurückhaltenden arabischen Jungdichter plapperten und lachten jetzt aufgeregt und mit glänzenden Augen (und versuchten vermutlich sich selbst davon zu überzeugen, dass dieser verderbte westliche Zauber Allah eventuell hoffentlich doch auch ein bisschen gefallen würde…). Solch einhellig begeisterte Ergriffenheit hatte es auf diesem Festival unter den Dichtern bislang noch nicht gegeben.


(PS: Beim Frühstücksgespräch hatte ich auf die Höflichkeitsfrage des Spaniers, ob ich denn für mein Schreiben Prosa oder Lyrik vorzöge, mit dem Bonmot geantwortet, es sei die Musik, die ich bevorzöge... Diese nicht nur scherzhaft gemeinte Antwort erhielt durch das Erlebnis im Sambaclub nachträglich einen tieferen Sinn…)