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Samstag, 29. November 2014

Political Correctness: Was bewirkt "politisch korrekte" Sprache?

"David Foster Wallace, der Autor von 'Infinitive Jest', hat afroamerikanische Studenten nicht nur im Gebrauch von 'weißem Englisch', sondern auch 'politisch korrektem Englisch' unterrichtet, das er als eine noch höhere Hürde erlebte. In einem Essay für das Magazin Harper's folgert auch er, dass zur Etikette geronnene politische Korrektheit politischer Aktion im Wege steht: 'Der strenge Code egalitärer Euphemismen dient dazu, genau die Art von schmerzhaftem, unschönem und manchmal beleidigendem Diskurs zu unterdrücken, der in pluralistischen Demokratien zu wirklichen politischen Veränderungen führt.'"

(Quelle: Robin Alexander in Die Welt 29.11. 2014)

Montag, 8. Oktober 2012

Das Boomzeitalter der Literatur!


Unter dem Titel "Das Nächste bitte!" hat Stephan Porombka es kürzlich ausgerufen - das unmittelbar bevorstehende Boomzeitalter der Literatur. Ja: Boomzeit! Wer hätte das gedacht. Gesponsert von der Bundeskulturstiftung leitet Prombka einen selbstgebastelten Thinktank namens LITFLOW, der die deutsche Literatur ab sofort - mit allerlei tönenden Berlin-Mitte-Events und progressiven Publikationen - in die glorreiche Zukunft führt: Internet sei dank! Zumindest bis zum Ende des Förderbewilligungszeitraumes.
  Heiß wird diskutiert und viel, vor allem von westdeutschen und ostküstenamerikanischen Literaturprofis aus dem Nicht-Bestseller-Bereich. Innovation, Nachhaltigkeit, Kreativität, aber auch papierunabhängiges Lesen und Schreiben, effektives Zielgruppenmarketing und gestaltungsoffene, multimediale Vernetzung erreichen nun - endlich! - auch den dröge vor sich hin dümpelden deutschen Literaturbetrieb. Der ja bekanntlich einer der am Boden liegendsten der Welt ist...
  Aber alles wird gut, denn erstaunliche neue Literaturformen wie E-Book, Blog-Print-on-Demand (demnächst auch in 3D) und Twitteratur befreien Autor wie Leser ab sofort von den Fesseln des Papiers und der traurigen Einsamkeit des staubmüffelnden Alleinlesers in seiner Sesselecke. Wie das alles gehen kann und wo die gesetzlichen Regelungen für die Abrechnung stehen, aber vor allem, wie ab sofort die neue Strömungs-Literatur zeitgeist- und digitalmarktgerecht zu produzieren sein wird, das klären nun Porombka und sein weltweites Litflow-Team aus Hildesheim und den angeschlossenen Goethe-Instituten: Technologisches Upgrade plus Marketing-Selbstermächtigung für ein hoffnungslos veraltetes Genre im Zeitalter der digitalen Entgrenzung. Puhhh, das war knapp. Doch noch eine Chance auf Anschluss! Danke - danke, danke, danke...   
  KANN MAN JETZT also mit e-books schneller reich und berühmt werden? Prombka sagt: Die Boomzeit ist da! Also, wie viel verdient ein deutscher Autor so derzeit? Die Wissenschaftler Kretschmer und Hardwick von der Universität Bournemouth hatten dazu, gänzlich unabhängig von Zukunftsweiser Porombka, vor wenigen Jahren etwa 25000 deutsche und britische Schriftsteller befragt. Deren wichtigste, auch 2012 noch weitgehend geltende Erkenntnisse: Im Referenz-Jahr 2005 verdienten professionelle deutsche Autoren im Durchschnitt pro Jahr 12.000 €. (Berufsautor ist, wer mehr als 50% seiner Arbeitszeit für Geld schreibt.) Das sind 42% des nationalen Durchschnittseinkommens - weniger als die Hälfte von "Otto Normalbürger" und "Lieschen Müller".
  Die 10% der wenigen deutschen Autoren von den oberen Plätzen der Bestsellerlisten verdienen 41% des Gesamteinkommens aller Autoren. Das ist dennoch keine "GEMA-Situationen" wie bei den deutschen Musikern, denn unsere Literaturstars liegen dann im Durchschnitt auch immer noch bei nur ca 40.000 € pro Jahr. Während andererseits über 50% der Autoren mit nur 12% des deutschen literarischen Jahresgesamteinkommens (DLJG) auskommen müssen. 60% der deutschen Dichter und Denker haben deshalb einen zweiten ("richtigen") Job, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. (Netzwerkadministrator? Amazonbuchhändler?) Und: Autorinnen verdienen durchschnittlich 30% weniger als ihre männlichen Kollegen. (Das entspricht exakt der deutschen Realität in den meisten anderen Bereichen.)
  Höchste Zeit, das Prombka & Co den Weg in die Zukunft frei machen! Die Boomzeit einer neuen deutschen Literatur ist nahe! (Sagt Prombka.) Fragt sich noch: Was für einer? (Und: Warum braucht Porombka für den Boom Fördergelder?)
 

Dienstag, 28. Februar 2012

Alles über einen gewissen Giovanni di Lorenzo ...

Die von mir und vielen meiner Bekannten als geistreich und hochwertig eingeschätzte Wochenzeitung DIE ZEIT sandte mir als Abonnenten vor etwa zwei Wochen mal wieder per E-Mail eine Umfrage zum so genannten "Zeitbarometer" zu. Darüber prangte das sanft lächelnde, lockige Konterfei des Chefredakteurs di Lorenzo. Es waren nur wenige, recht belanglose Fragen a là wie finden Sie Christian Wulf, gefällt Ihnen die Politik der Kanzlerin oder wie schätzen Sie Ihre persönliche Lage gerade so ein, die die ZEIT an mich und meine momentane Stimmung hatte. Dann sollte man ausführlich seine Adressdaten usw. eintragen, was ungefähr so lange dauerte, wie die drei, vier Fragen zu beantworten - und schon konnte man beim tollen Gewinnspiel um eine Reise zu den Azoren mitmachen... Ach, lieber Herr Lorenzo, was liegt Ihnen nur so sehr an meinen Daten? Und wieso braucht ein seriöses Stimmungbarometer ein Gewinnspiel? Machen die das in den TV-Nachrichten auch immer so? - dachte ich. Und löschte die E-Mail. Die ZEIT ist ja seit Jahren voll von Artikeln über Datenmissbrauch und Adressengeschachere!
  Dann erinnerte ich mich, wie meine Lieblingszeitung im letzten Herbst so eine riesige Kampagne für das Buch vom weisesten deutschen ZEIT-Herausgeber aller Zeiten, dem Herrn Altkanzler Schmidt und seinem Protegé, dem Herrn Steinbrück, der so gerne Kanzler werden möchte, fuhr: Mit Titelblatt, Vorabdruck, Skandal-Interview zum Interviewbuch etc. pp. - das Ganze fette Marketingprogramm, das man für ein Buch, das ansonsten keiner braucht, eben so fahren muss. Und wie sich dieses professionelle Spiel, in seiner ganzen Bandbreite, zwei Wochen später wiederholte - diesmal für einen Interviewband des bestausehendSTen Zeitungsredakteur Europas Herrn di Lorenzo mit dem bestaussehendSTen Ex-Politiker der Welt, Herrn von und zu Guttenberg... sensationelle Informationen!! Das verlangt nach Titelseite, Skandal-Interview zum Skandal-Interview und so weiter - eben dem ganzen Marketingprogramm! Wow. Die Leute vom Zeitverlag verstehen wirklich etwas vom Geschäft, finde ich! Geld generieren mit Stürmen im Wasserglas, ähm, Blätterwald.
  Und plötzlich dämmert mir ein ungeheurlicher Verdacht... Man weiß ja mittlerweile genügend über die ausgefuchsten Strategien der Marketingexperten von heute: Das Kind, das uns von der Packung Kinderschokolade entgegenlächelt, ist inzwischen ein alter Mann und hat bereits dritte Zähne. Die junge Dame, die sich so lasziv auf dem Abbild des neuesten Automodells räkelt, hat gar keine Führerschein und heißt auch nicht Nadine! Der Marlboro-Man starb an Lungenkrebs. Und Milli-Vanilli waren gecastete Modells, die gar nicht singen konnten!!!  
  Lieber Giovanni di Lorenzo (auch wenn Sie vermutlich gar nicht so heißen): Sie sind wirklich das bestaussehendSTe Chefredakteursmodell, von dem ich je eine Umfrage-E-Mail bekam, bei der ich meine Daten abgeben sollte!! Wirklich überzeugend auch Ihre enorme darstellerische Leistung bei Diskussionsveranstaltungen und Fernseh-Talkshows. Es ist garantiert nicht einfach, als begabtes Marketingtalent das Wissen und die Eloquenz eines Chefredakteurs von Weltrang so erfolgreich  darzustellen. Jetzt verstehe ich immerhin auch, warum Sie immer so sanft hauchen... Sie sind bei den Marketinggenies des Zeitverlags unter Dauervertrag. Und Ihr eigener, durchschlagender Erfolg lässt Sie da nicht raus!
  Schade nur, dass Sie mir in Ihrem Leser-Videoblog auf ZEIT online nicht geantwortet haben, als ich Sie fragte, was eigentlich mit den Daten all derer gemacht wird, die sich am Zeitbarometer beteiligten. Aber, falls mein Verdacht zuträfe, auch geradezu LOGISCH!! Sie können es gar nicht wissen, Sie sind ja ein Produkt der Marketingabteilung. Übrigens hat mir dafür etwas mehr zwei Wochen nach meiner Rück-E-Mail auf die Umfrage nun bereits ein kompetenter Mitarbeiter des ZEIT-Marketing-Teams sachkundig geantwortet. Ein gewisser Herr Marius Mueller (der Sie vielleicht sogar gecastet hat?) schrieb:
>> 
Sehr geehrter Herr Jankowski,
vielen Dank für Ihre Nachricht. Bitte entschuldigen Sie meine späte Antwort. Je nachdem, ob der Teilnehmer der Umfrage zugestimmt hat, dass seine Daten anderweitig verwendet werden dürfen, gehen wir auch mit seinen Daten um. Generell haben wir den Ansatz, dass wir Daten auf Wunsch restlos löschen oder alternativ für jegliche weitere Verwendung sperren.
Ich hoffe ich konnte Ihnen weiterhelfen. Sollten Sie noch weitere Fragen haben, wenden Sie sich gerne jederzeit an mich.

Herzliche Grüße aus dem Hamburger Pressehaus
Marius Müller
<<
Man verwendet die Daten bei Zustimmung also "anderweitig". Ahaaa! Dankeschön für die Aufklärung. (Zu ergänzen wäre, dass die Zustimmung am Ende der Umfrage anzukreuzen war und die dazugehörigen, extra aufzurufenden AGB ungefähr Hunderte ellenlanger kleinSTgedruckter Paragraphen enthielten, aus denen für einen normalen ZEIT-Leser wie mich leider keineswegs hervorging, was mit den Daten "für das Gewinnspiel" eigentlich geschehen wird. Nur so viel: Sie werden nicht nur für das Gewinnspiel verwendet.)
  Ja, es ist immer wertvoll zu wissen was die Leser so denken. Nicht wahr, liebe Sklavenhalter des begabten Herrn di Lorenzo? Ich fordere: Freiheit für Giovanni di Lorenzo! (Oder wie auch immer der heißt, den ich eigentlich meine...)

Montag, 16. Januar 2012

It's the economy (that kills us), stupid ...

"Der Neoliberalismus ist ein Phänomen der großen internationalen Konzerne. Die List ist, dass sie den freien Markt propagieren, gleichzeitig jedoch diesen Markt beherrschen, so dass es keinen freien Markt gibt. Die großen Konzerne haben eine starke Verbindung zur Politik, was ja ganz marktwidrig ist. Das ist die Lüge."

Colin Crouch  (Prof. of Governance and Public Management, University of Warwick, UK)