Schneeregen bei grau verhangenem Himmel und Plusgraden. Das Jugendgefängnis
von Volos ist ein flacher Gebäudekomplex mitten in der Oberstadt. Ioannis
meint, er sei Ende der Siebziger in noch relativ unbesiedelter Gegend errichtet
worden, später hätte jemand günstig Grund darum herum erworben und
Billigstwohnungen gebaut (das nahe Gefängnis drückte die Preise extrem) - jetzt klagen Mieter und Besitzer gemeinsam
gegen die „gefährlichen Nachbarn“ und wollen, dass das Gefängnis nach außerhalb
der Stadt verlegt wird.
Innen alles eng, funktional und primitiv
wie in einer Russenkaserne der Achtzigerjahre. Die wuselnden Beamten nehmen uns
die Pässe ab und winken uns fröhlich durch die Kontrolle, obwohl bei wirklich
jedem von uns der Metalldetektor anschlägt. („Its Greece, you know, hahaha.“) Die
Tasche mit meinem unentbehrlichen Laptop wird uns allerdings abgenommen und
kontrolliert, wir bekommen sie später gebracht, sagt man.
Kurzes Hallo im engen Büro des recht jungen
Direktors, die fröhliche Sozialarbeiterin übersetzt und erklärt alles. 152
jugendliche Ausländer (ausschließlich!) zwischen 17 und 21 Jahren in einem
Knast für 80 Personen, an dem seit der Erbauung in den Siebzigern so gut wie
nichts gemacht wurde. Die Zellen usw. bekommen wir nicht gezeigt, aber da die
drei mit viel Phantasie umfunktionierten „Klassenzimmer“ der gastgebenden
Knastschule vorher reguläre Zellen waren, können wir uns ein Bild machen: Wo in
Deutschland höchstens zwei Leute zusammen dauerhaft untergebracht werden
dürften, wohnen hier acht Leute. Der größte Raum fasst 22 Häftlinge, einige
müssen auf dem Boden schlafen. Fast niemand kann richtig Griechisch, es ist ein
reiner Ausländerghettoknast: „alles andere gäbe nur dauernde Kämpfe“… (so viel
zum Thema Xenophobie). Also ist Griechischlernen das wichtigste Fach. („Aber
das ist verdammt schwer, nicht nur für Knackis.“) Nur die (dominierenden) Albaner bekommen hin
und wieder familiären Besuch, alle anderen (Araber, Pakistaner etc.) sind ganz
auf sich gestellt. (Die Schwarzen enthält man uns ganz vor, sie werden nicht
einmal erwähnt.) Man zeigt uns also eigentlich gar nichts vom Knast, aber dafür
dürfen wir etliche Gefangene der Gymnasialstufe nicht nur treffen, sondern
verbringen den Vormittag mit und unter ihnen in der Schule genannten Zellenenge.
Mich spricht Ali an, ein umgänglicher, höchstens
zwanzigjähriger Libanese mit auffallend heller Haut, dunkeln Haaren und blauem
Sweatshirt, der fließende Deutsch spricht, und zwar, weil er, wie er sagt, in
Bremen geboren sei. Und das ist seine Geschichte: Er hat in Bremen, wo er
aufwuchs, „Mist gebaut“ und wurde
daraufhin abgeschoben, als er achtzehn wurde - während seine gesamte Familie in Deutschland
blieb. Er kam so zum ersten Mal in seinem Leben in den Libanon: Er kannte
niemanden und konnte die Sprache nicht. Von seinem Ersparten mietete er sich
eine Wohnung und nahm einen Hilfsjob in einer Garküche an. Er lernte „auf der
Straße“ mühsam Arabisch und musste sieben Monate warten, ehe die libanesischen
Behörden seinen Reisepass freigaben. Dann raffte er sein restliches Erspartes
zusammen und machte sich über Syrien und die Türkei auf den Weg in seine
Heimat: Bremen… Er bezahlte einen türkischen Schlepper, ihn nach Griechenland
zu bringen (was der entscheidende und gefährlichste Schritt zurück nach D ist).
An der Grenze wurden sie gestellt, aber der Schlepper konnte entkommen, er
sprang in den Fluss und schwamm zur türkischen Seite, die ein griechischer
Grenzer niemals betreten würde. Jetzt hatten sie nur noch die abgezockten Einwanderer.
Außer Ali waren alle anderen Schwarze. Weil Ali trotz arabischen Typs fast weiß aussieht, wurde er für den
Schlepper gehalten und wegen illegalen Menschenhandels verhaftet. Während die
anderen nach ein paar Tagen allesamt freikamen, schickte man ihn ins
Jugendgefängnis von Volos, wo er nun seit zehn Monaten auf sein Verfahren
wartet. Ali sagt, es würde in den nächsten Wochen an einem Gericht nahe der
türkischen Grenze stattfinden, dort, wo man ihn geschnappt hatte. Er will seine
Unschuld so beweisen: Er besitzt einen
Reisepass, in dem durch Grenzstempel bewiesen ist, dass er vom Libanon kommend
(den er sieben Monate nicht verlassen hatte) nur einen Tag in Syrien und einen
Tag in der Türkei verbrachte, ehe er verhaftet wurde. In dieser Zeit hätte er
unmöglich zu einem Mitglied der der türkischen Schleppermafia werden können,
sagt er. Und ist zuversichtlich, dass er freigesprochen wird. Derweil bemüht er
sich Griechisch zu lernen, obwohl er auf die Griechen nicht gut zu sprechen
ist: Seine letzten 1500 Euro habe er einem hiesigen Anwalt gegeben, um ihn rauszuhauen,
der aber schon zum ersten Termin vor dem Haftrichter nicht erschienen sei und
sich seitdem auch nie wieder hätte blicken lassen. Wie die meisten hier hat er auch nie Besuch,
seine Familie bleibe vorsichtshalber in Bremen, wo er bald eine türkische
Deutsche heiraten wolle.
Keine Ahnung,wie weit ich Alis Geschichte
trauen kann, aber ich finde ihn, ähnlich wie die meisten anderen der ca. 10
Jungs, die wir kennenlernen, ziemlich unkompliziert und umgänglich. Auffällig
ist, dass sie durchweg sehr diszipliniert und ausgeglichen wirken, durchaus
nicht unter Druck. Äußerst erstaunlich angesichts der Tatsache, dass sie
monatelang im Ungewissen mit anderen Gleichaltrigen auf engstem Raum leben und
nichts als eine halbe Stunde Schule pro Tag haben! Fernsehen und Zeitung gibt
es zwar, aber wenn man kein Griechisch kann, hilft das nicht viel, auch eine
Bibliothek gibt es nicht. Sport, Kunst oder ähnliches – alles undenkbar und
unmöglich: Absolut kein Platz dafür und Geld sowieso nicht. Einen Pakistaner
gibt es, der zeichnet gut und wird gefördert – aber nur von den drei Lehrern.
Gymnasiumsunterricht für ca. 50 Insassen findet tagsüber statt; Grundschule für
ca. 50 Insassen ist abends, die 50 übrigen „Bildungsunfähigen“ arbeiten die
Woche über und haben am Wochenende eine Art Grundbildung, Vorschule genannt. Ansonsten
hat jeder pro Tag ein bis drei Stunden Auslauf auf dem Innenhof, der selbst zum
Basketballspielen nicht groß genug ist, sagt Mathelehrer Ioannis.
Anastasia und Ioannis präsentieren eine
preisgekrönte, vielsprachige Webseite zum Thema Menschenrechte, die sie mit
ihren Schützlingen im letzten Jahr erstellt haben. (Sehr schön! Nur, dass Knackis nirgendwo auf der Welt freien Zugang zum Internet haben...) Dann gibt Alan auf Englisch seine
vierzigminütige Performance „The Insider“ über das Leben aus der Sicht eines
Inhaftierten anhand von Zitaten aus der Weltliteratur. Ich bin der Mann am
Laptop, der die dazugehörigen Bilder (Kollwitz, Rembrandt usw.) und
Übersetzungen an die Wand wirft. Alan verwandelt sich in Brecht und Malvolio,
Hamlet oder Jeanne d’Arc, er deklamiert und singt, flüstert und rezitiert wie
immer mit größtem Enthusiasmus – die Jungs amüsieren sich und lauschen brav,
auch wenn sie nicht viel verstehen, während die restlichen Besucher zumeist mit dem Schlaf kämpfen. Wir
sitzen zu dreißigst in einer Zelle für maximal sechs – ein dem Thema durchaus
angemessener Zustand. Hinterher quatschen wir noch, es werden Fotos gemacht und
gemeinsam das Gebäck der Lehrerinnen genascht.
Das Mittagessen im Knast ist
dann aber plötzlich abgesagt, offiziell aus technischen Gründen. Aber ich
erfahre von einem Angestellten, dass es derzeit in allen griechischen
Gefängnissen Unruhen und Spannungen gibt, was Grund für die hohe
Sicherheitsstufe ist, die uns eine Besichtigung des Knastes ebenso unmöglich
macht, wie das besuchsweise Essen in der Knastkantine – in Erwartung eines
neuen Gesetzes, das für viele eine Amnestie bedeuten könnte, werden die
Gefangenen langsam ungeduldig, weil die Politiker der Regierungskoalition (aus
drei Parteien) sich nicht einig sind und sich derzeit um ganz anderes
kümmern (wir erinnern uns: gestern Mittag erst hat Griechenland den
Staatsbankrott abgewendet, indem es sich mangels Alternative den für viele
Griechen extrem existenzbedrohenden Knebelbedingungen der EU ergeben musste –
und noch ist dadurch nichts geklärt, gelöst oder auch nur klar genug
entschieden)… Wir verdanken diesen gefängnisinternen Spannungen immerhin, dass
wir in einer modernen griechischen Garküche am weitläufigen Hafenkai mit
Hausmannskost aus Volos versorgt werden – und anschließend noch von unseren
Gastgebern in eine nahegelegene Eisdiele eingeladen werden, in der ich tatsächlich
das wunderbare Kaimakis-Eis finde, das nach dem sommerlichen Mastix-Baumharz der Insel Chios schmeckt… das gibt es nur in
griechischen Gefilden.
In der Stadt soll es heute schon
mehrere Demonstrationen gegeben haben, aber natürlich haben wir davon nichts
mitbekommen. Überhaupt erscheint mir hier angesichts der Lage alles unglaublich
ruhig. (Nur einmal, gegen Abend, hörte ich auf der Uferhauptstraße einen Lautsprecherwagen
vorbeifahren und irgendwelche aufgeregten Brüllereien verbreiten, aber niemand
kümmerte sich darum.) Beim Abschied am Nachmittag informiert uns Anastasia,
dass aller Wahrscheinlichkeit nach Busse und Flüge vom morgigen Streik nicht
betroffen sein werden (er betrifft vor allem den öffentlichen Dienst der nationalen
Institutionen). Ob ihre Bemerkung, dass heute eigentlich alle Schulen streikten,
also auch die Gefängnisschulen, ernstgemeint ist, kann keiner von uns wirklich
einschätzen. Dafür, dass hier allen das Wasser bis zum Hals steht, waren alle
sehr ruhig und nett, eigentlich fast unglaublich. (Vielleicht ja auch einfach
Schicksalsergebenheit? Ick weeß et nich.)