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Mittwoch, 4. März 2015

DIE GRÖSSTEN DICHTER UNSERE ZEIT: Forscher errechnen durchschnittliche Textlänge!

Welche Textlänge ist normal? Forscher haben in einer internationalen Studie die Länge des Texts von gut 15.000 Autoren bestimmt. Ergebnis: Die Deutschen liegen unter dem Durchschnitt!

Es wurden Essays über sie geschrieben, und in Kulturdokumentationen durften flache Witze zu dem Thema nicht fehlen - es geht um die Textlänge. So viele Mythen sich um sie ranken, so wenige belastbare Daten zur Normallänge gab es bislang. Nun haben Forscher in der bisher größten systematischen Übersichtsanalyse Orientierung geschaffen.

  Viktor Reider vom Parnass Institute Berlin Prenzlauer Berg und Kollegen werteten knapp 20 Studien aus, in denen die Textlänge oder der Textumfang von mehr als 15.500 Autoren im Alter von 17 bis 91 Jahren von Fachpersonal erfasst wurde. Demnach ist der durchschnittliche Text im unlektorierten Zustand 9,16 swps (Substanzielle Worte pro Satz) lang, in überarbeitetem Zustand 13,24. In lektoriertem Zustand erreicht der Durchschnittstext eine Länge von 13,12 swps, berichten die Forscher im Fachmagazin "Sprache im Text (Sprit)".

   Auch den durchschnittlichen Umfang errechneten Reider und Kollegen aus den Daten: Demnach hat der durchschnittliche unlektorierte Text einen Umfang von 9,31 substanzieller Worten pro Satz, bei Romanen über 300 Seiten erreicht er immerhin einen Wert von 11,66.


Deutsche Autoren unter dem Durchschnitt


Die höchsten Längenwerte ergab die Messung in Frankreich. Die durchschnittliche Textlänge in unlektoriertem Zustand liegt bei den Franzosen bei 10,74 swps. Schottland kommt mit 10,2 auf Platz zwei. Die deutschen Autoren haben mit einer Durchschnittslänge von 8,6 etwas kleinere Texte als der Durchschnitt.

  Allerdings hat der direkte Ländervergleich Schwächen: So schwankt etwa die Gruppenlänge der einzelnen Studien zwischen 52 bei den Griechen und mehr als 3000 bei den Italienern. Aus Deutschland wurden 111 Autoren untersucht. Einige Nationen waren in mehreren Studien vertreten, mit unterschiedlichen Ergebnissen (siehe Abb.). Da die meisten Teilnehmer aus den analysierten Studien kaukasischer Herkunft sind, ließen sich keine Unterschiede zwischen Kulturräumen untersuchen. Mit Kaukasiern sind in der Studie Europäer, Südasiaten und Nordafrikaner gemeint.

  Es gibt immer wieder Gerüchte, dass sich die Textlänge an anderen anatomischen Merkmalen ablesen lasse, etwa an der Länge der Nase im Vergleich zur Dotierung bisheriger Preise oder der Länge des Zeigefingers im Verhältnis zur Anzahl bisheriger Veröffentlichungen. Die Wissenschaftler fanden jedoch keinen Zusammenhang zwischen der Textlänge, der Marke des Handys, der Zeigefingerlänge, der Anzahl der Stipendien oder dem Alter. Lediglich beim Verhältnis von Körper- und Textlänge im lektorierten Zustand entdeckten sie eine schwache Korrelation. Sprich: Große Autoren haben tendenziell einen längeren Text.


Auch unterdurchschnittliche Werte sind normal


"Wir glauben, dass unsere Daten helfen werden, die große Mehrheit der Autoren davon zu überzeugen, dass ihre Textlänge im normalen Bereich liegt", erklärt Reider. Man müsse sich klar machen, dass bei normaler Verteilung die Hälfte der Bevölkerung einen kleineren Text hat als der Durchschnitt. Auch Werte unterhalb von 9,16 swps sind demnach kein Grund zur Sorge. Laut Wolf Buhmann vom Berufsverband der deutschen Texterzeuger reicht die Spanne dessen, was normal ist von 7,5 bis 19 im Ruhezustand, "wobei es deutlich mehr 7,5er als 19er gibt."

   Autoren schätzen ihre Textlänge häufig zu negativ ein. Eine Online-Befragung mit mehr als 52.000 Probanden ergab etwa, dass 85 Prozent der Leser zufrieden mit der Textlänge ihres Autors waren, aber nur 55 Prozent der Autoren mit ihrer eigenen Textlänge.

   Nun wollen die Forscher anhand ihrer Daten genauer untersuchen, wie sich Selbsteinschätzung und Realität unterscheiden. Außerdem sollen die Daten helfen, Bücher herzustellen, die noch besser sind.

Samstag, 10. Januar 2015

PEGIDA liebt CHARLIE HEBDO !?

Schmerzhafte Vorhersage: Auf der nächsten Pegida-Demo werden wir Hunderte "Je suis Charlie"-Poster sehen, und die Leute werden das auch tatsächlich ernst meinen. Denn ...

"...aus Pegida-Sicht haben die „Charlie Hebdo“-Mitarbeiter dadurch, dass sie sich trauten, den Islam zu kritisieren — im grausamsten Sinne des Wortes: ohne Rücksicht auf Verluste — , genau das getan, was sie in den deutschen Medien vermissen und was einen erheblichen Teil des „Lügenpresse“-Vorwurfs ausmacht."

(schreibt der kluge Blogger Stefan Niggermeier - der ganze, sehr lesenswerte Artikel HIER.)

Und wenn's ganz schlau käme, würden die neuen Pegidaposter gar einfach aus den antiislamischen Charlie-Hebdo-Karikaturen bestehen... *


 * Warum wohl verbietet Leipzig seinen Demonstranten die heldenhaften Charlie-Hebdo-Karikaturen? Der Gipfel der Heuchelei dort: Diese Bilder sind nur verboten, wenn Legida-Leute sie zeigen wollen... ansonsten sind sie unsterbliche Ikonen europäischer Meinungsfreiheit! Aua. Aufgrund zahlreicher Proteste wurde dieses Verbot allerdings nach wenigen Stunden wieder aufgehoben. Jetzt wird sie wieder sichtbar: Die Ähnlichkeit bis Kongruenz der Charlie-Hebdo-Karikaturen mit dem Denken der Pe/Le/XX/GIDA-Gemeinde!

Samstag, 29. November 2014

Political Correctness: Was bewirkt "politisch korrekte" Sprache?

"David Foster Wallace, der Autor von 'Infinitive Jest', hat afroamerikanische Studenten nicht nur im Gebrauch von 'weißem Englisch', sondern auch 'politisch korrektem Englisch' unterrichtet, das er als eine noch höhere Hürde erlebte. In einem Essay für das Magazin Harper's folgert auch er, dass zur Etikette geronnene politische Korrektheit politischer Aktion im Wege steht: 'Der strenge Code egalitärer Euphemismen dient dazu, genau die Art von schmerzhaftem, unschönem und manchmal beleidigendem Diskurs zu unterdrücken, der in pluralistischen Demokratien zu wirklichen politischen Veränderungen führt.'"

(Quelle: Robin Alexander in Die Welt 29.11. 2014)

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Berlin: Der Unmut der Gefangenen

Die Knast-Journalisten der außergewöhnlichen Gefangenenzeitschrift "Lichtblick" der Berliner JVA Tegel (Deutschlands größtem Männerknast), die ich durch unser Projekt Literatur hinter Gittern seit Jahren kenne, haben heute per Email einen ungewöhnlichen Brandbrief als offenen Brief an den Berliner Justizsenator Heilmann verbreitet, denn ich hiermit unkommentiert der geneigten Internet-Öffentlichkeit weiterleiten möchte... Dieser Text stammt also nicht von mir und gibt auch nicht unbedingt meine eigene Meinung zu den besprochenen Problemen wieder. Ich selbst bin von dem polemischen Ton des Textes eher irritiert und kann das Gesagte nicht wirklich beurteilen. Dennoch sei der Text hiermit im Sinne der Unterstützung der ansonsten eher Stimmlosen und zur Beförderung einer hoffentlich konstruktiven Diskussion der offenbar akuten Probleme im vollen Wortlaut zitiert:  

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Hungerstreik und Revolte in Berliner Gefängnissen!?

Mitteilung und gleichzeitig Offener Brief an Justizsenator Heilmann der Gesamtinsassenvertretung der JVA Tegel, der Gesamtverwahrtenvertretung und der Redaktionsgemeinschaft „der lichtblick“, Deutschlands auflagenstärkster und einzig unzensierter Gefangenenzeitung aus der JVA Berlin-Tegel, besonders an Journalistenkollegen – bitte berichten Sie darüber …
In Berliner Gefängnissen rumort es mächtig: gesetzeswidrige Lockerungsverweigerung, gesetzeswidrige Nicht-Entlassung, gesetzeswidrige Unterbringung, gesetzeswidrige Nicht-Behandlung. Gefangene und Sicherungsverwahrte, die unter diesen Verhältnissen in Berliner Gefängnissen eingepfercht sind, beschweren sich – ganz zu Recht: der Berliner Justizsenat praktiziert einen Vollzug, der Gesetze missachtet, vorsätzlich die Sicherheit der Bevölkerung gefährdet und weder wissensbasiert, noch human, noch sozialstaatlich mit seinen Gefangenen umgeht. Und die Folgen werden sich nicht nur auf Klagewellen, Hungerstreiks und Gefängnisrevolten beschränken, sondern verfehlte Strafvollzugspolitik schadet jedem Berliner Bürger!
Fernab von populistischer Berichterstattung über den zum 5-Sterne-Hotel hochstilisierten Gefängnisneubau (JVA Heidering) praktiziert der Berliner Justizsenat einen Strafvollzug, der bewährte und gesetzlich geforderte Maßnahmen der Straftäterbehandlung nicht bzw. nur eingeschränkt anwendet.
Gefangene, Rechtsanwälte, Organisationen der Straffälligenhilfe, Beiräte und Wissenschaftler rügen den Berliner Strafvollzug:
-          Lockerungen werden allenfalls wie Goldstaub gewährt: die Lockerungsquote ist im Geschlossenen Vollzug in Berlin im Jahr 2012 massiv reduziert worden. Gründe hierfür sind nicht erkennbar – im Gegenteil: Lockerungen sind bewährtes Behandlungsinstrument, gesetzlich verankert und erhöhen erwiesenermaßen nachhaltig die Sicherheit der Bevölkerung!
-          Vorzeitige Entlassungen zum sogenannten 2/3-Zeitpunkt, die das Strafgesetzbuch als wichtiges Instrument benennt, werden in Berlin außerordentlich selten gewährt. U.a. bedeutet dies unnötige Kosten für den Steuerzahler – diese Gefangenen sind bereits wieder temporär frei, ein langer Verbleib im Offenen Vollzug über den 2/3-Zeitpunkt hinaus ist – sofern keine besonderen Gründe im Einzelfall vorliegen – nicht angezeigt.
-          Berlin hat unlängst die Doppelbelegung wieder eingeführt, mehrere Gefangene werden in einer Zelle eingepfercht. Gerichte haben dies immer wieder gerügt – trotzdem kehrt der Berliner Justizsenat zu dieser Praxis zurück.
-          Ersatzfreiheitsstrafer werden im Geschlossenen Vollzug untergebracht: Bürger, die eine Geldstrafe absitzen, werden neuerdings vermehrt im Hochsicherheits-Knast eingekerkert – dies führt nicht nur zu angespannter Belegungssituation, sondern ist Ausdruck besonderer Gnadenlosigkeit und Härte.
-          Im Gefängnis sollen Menschen mit Fehlern und Schwächen so behandelt werden, dass sie nach Verbüßung ihrer Strafe und Entlassung ein normales Leben ohne Straftaten führen (können). Nicht nur das Gesetz schreibt es dem Vollzug ins Aufgabenheft, sondern auch gesunder Menschenverstand legt es nahe und die Bevölkerung fordert es zu Recht: Straftaten müssen verhindert werden – hierzu braucht es jedoch die sogenannte Behandlung. Der Berliner Justizsenat jedoch beschäftigt für diese Aufgabe aktuell nur noch eine einzige Person für ca. 50-60 Gefangene.
Es ist bald ein Jahrzehnt her, dass in einem deutschen Gefängnis revoltiert wurde – im damals CDU-regierten Hamburg praktizierten Innensenator Schill und Justizsenator Kusch einen gesetzeswidrigen, hirnverbrannten, widerlichen StrafvollzugKusch und Schill sind in der Gosse gelandet, der Strafvollzug musste in Hamburg mühsam wieder so aufgebaut werden, dass er das Gesetz einhält, Sinn macht und Einzelne und Bevölkerung nicht beschädigt.
Sehr geehrter Herr Senator Heilmann – die Gefangenen bitten darum,
-          die gesetzlich nicht gestattete Doppelbelegung unverzüglich zu beenden,
-          Ersatzfreiheitsstrafer nicht im Hochsicherheitsknast unterzubringen, sondern zu entlassen,
-          Sozialarbeiter für die Ihnen zur Behandlung anvertrauten Gefangenen in ausreichender Zahl zu beschäftigen,
-          Lockerungen gesetzestreu zu gewähren,
-          mit vorzeitigen Entlassungen den Steuerzahler zu entlasten,
-          Vollzugskonzepte anzuwenden, die der Erreichung des Vollzugszieles dienlich sind
Kurzum: Senator Heilmann – lassen Sie den Berliner Strafvollzug nicht in der Gosse landen!
Und wieso:
-          beginnen Sie jetzt  in der JVA Moabit Baumaßnahmen, die zu gesetzeswidriger Doppelbelegung führen?;
-          wollen Sie Umbauten für die Sicherungsverwahrten vornehmen, die diese selbst nicht wollen, viel Geld kosten und zu Beeinträchtigungen für alle Gefangenen in der JVA Tegel führen?;
-          beschäftigen Sie Sozialarbeiter nicht weiter, sondern setzen diese vor die Türe?;
-          wollen Sie für Unruhe sorgende, unsinnige Verlegungsorgien veranstalten?;
-          schließen Sie jetzt das Gefängnis in der Lehrter Straße und bringen deshalb bspw. Ersatzfreiheitstrafer teuer und grauslich im Hochsicherheitsknast unter?
Die Berliner Gefangenen kündigen Hungerstreik und Revolte an! Wenden Sie diese selbstverschuldete Katastrophe ab, halten Sie sich an das Gesetz und schädigen Sie die Bevölkerung nicht!
Die Redaktionsgemeinschaft „der lichtblick“, die Gesamtinsassenvertretung der JVA Tegel, die Gesamtverwahrtenvertretung
Gefangenenzeitung
der lichtblick
Seidelstraße 39
D-13507 Berlin
fon +49 (30) 90 147 2329
fax +49 (30) 90 147 2329
mail:gefangenenzeitung-lichtblick@jva-tegel.de
internet: www.lichtblick-zeitung.de

„der lichtblick“ gewährt Blicke über hohe Mauern und durch verriegelte Türen. Er versteht sich als Sprachrohr der Gefangenen: Er macht auf Missstände aufmerksam und kämpft für einen humanen, sozialstaatlichen und wissensbasierten Strafvollzug. Oft nimmt er eine vermittelnde Position zwischen dem Resozialisierungsanspruch der Gefangenen und dem Schutzbedürfnis der Bevölkerung ein; dass das Eine das Andere befördert und verstärkt, kann gar nicht oft und deutlich genug betont werden. Neben kriminal- und strafvollzugspolitischem Engagement initiiert „der lichtblick“ „Berührungen“ zwischen drinnen und draußen und fungiert als Kontaktstelle. Nicht zuletzt ist „der lichtblick“ die Lieblingszeitung vieler Insassen – und wird auch von Justiz, Politik und Wissenschaft gelesen.
Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit – gerne mit Spenden, aber auch ideeller Zuspruch ist uns sehr willkommen: schreiben Sie uns eine E-Mail, erhalten Sie regelmäßig das Neueste von drinnen und gestalten Sie unsere Gesellschaft – deren Umgang mit Delinquenz – mit!
Gefangenenzeitung
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Update vom 6. Dezember ...
>> Aktualisierung der gestrigen Mitteilung der Gesamtinsassenvertretung der JVA Tegel, der Gesamtverwahrtenvertretung und der Redaktionsgemeinschaft „der lichtblick“
Nunmehr können wir heute erfreulicherweise vermelden, dass die „Doppelbelegung“ (mehrere Insassen auf einer Zelle) in der Teilanstalt VI der JVA Tegel beendet ist.
Des Weiteren werden Sozialarbeiter wohl zumindest vorübergehend nicht entlassen.
Zudem erklären wir: unsere Mitteilung sollte nicht skandalisierend wirken und beinhaltete selbstverständlich keinen Aufruf zu einem Hungerstreik oder gar zur Revolte. Im Gegenteil: als Sprachrohr der Gefangenen und als Ventil haben wir mit unserer Mitteilung Missstände benannt, damit gegengesteuert werden kann und es eben nicht zum Äußersten kommt.

Der Eklat jedoch wird von unseren Mitgefangenen nach wie vor deutlich benannt: Sie sagen uns, dass sie, finden die angekündigten Verlegungen statt, sie passiven Widerstand leisten werden (wörtlich: „Dann werden sie uns aus unseren Zellen tragen müssen und wir werden das Essen verweigern!“)
   Zudem informieren sie uns darüber, dass sie, sollte Berlin sich vom Strafvollzugsgesetz (u.a. bzgl. Lockerungen, 2/3-Entlassung, Behandlung) weiter abwenden und entfernen, dagegen mit allen Mitteln kämpfen werden.


Die Redaktionsgemeinschaft „der lichtblick“, die Gesamtinsassenvertretung der JVA Tegel, die Gesamtverwahrtenvertretung
Gefangenenzeitung
der lichtblick
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Dienstag, 13. November 2012

Brasilienblog (FINALE)


Rio, Sonntag, 11 November

Der erste uneingeschränkt sonnige Tag in Rio. Ich fahre mit dem Spanier an die Copacabana. Das östliche Ende, genannt Leme, erweist sich als gut erreichbar und perfekt für einen kleinen Strandausflug mitten im Stadtalltag: Man kann mit der Metro oder dem Taxi vorfahren. Der Sand ist hier hell und weich wie an der Ostsee, aber durch die Sonne ungleich heißer. Der Strand ist mindestens fünfzig Meter breit: Nach Westen in zieht sich die Stadt mit einer weißen Promenade aus Wohn- und Geschäftshäusern in sanft geschwungenen Bogen, nach Osten begrenzt ein buckeliger Felsenberg voller Pflanzen und Palmen das Ende der Copacabana.
Die Sonne brennt, es weht ein sanftes Lüftchen, am Himmel hier und da ein Federwölkchen. Die Cariocas besiedeln den Strand gelassen und fröhlich, jeder wie er mag. Hier und da gibt es kleine Kioske oder Sportfelder. Weil das Wasser recht kühl ist, geht kaum jemand schwimmen, nur ein paar Kinder toben am Wassersaum, weiter draußen stehen einzelne Brettsurfer mit Stechpaddeln in Neoprenanzügen auf der sanften Dünung. Der Spanier und ich laufen mit nackten Füßen die Küstenlinie entlang zum Ostfelsen und steigen dort auf eine kleine Terrasse, um den Ausblick auf die elegant in die Stadt geschwungene weite Bucht zu genießen. Hinter dem Strand die weißen Gebäude einer Großstadt, dahinter die romantischen Kulissen dunkler Felsenbuckel und tiefgrüner Berge - ein Mittag wie aus einem Bilderbuch. Von der der Terrasse aus springen Schwimmer und Taucher ins Meer, es wird geschwatzt und geangelt. Wir trinken an einem Strandkiosk den erfrischenden Saft unbekannter Früchte und setzten uns dann eine Weile in den Sand. Erstaunlicher Weise gibt es hier nicht ein Fitzelchen Müll, aber auch keinerlei Muscheln und keine Möwen oder andere Seevögel; die weite, lichtdurchflutete Bucht gehört allein den Menschen und der Landschaft.
  Als wir mit dem Taxi weiter zum Festivalgelände fahren wollen, lernen wir ein Problem kennen, das typisch für Rio zu sein scheint: Weil es für unsere Favela keine klare Adresse gibt, finden wir keinen Taxifahrer, der uns dorthin fahren will… nicht, weil sie Angst vor den Leuten der Gegend hätten, sondern weil St. Teresa aus extrem steilen Hügel mit Kopfsteinpflasterstraßen besteht und man sich im Labyrinth der engen Einbahnstraßen dort stundenlang durch den Verkehr quälen kann, ohne auch nur in die Nähe des Ziels zu gelangen… zudem können wir den Weg nicht beschreiben, und selbst wenn: Die Taxifahrer hier sprechen kein Englisch… Wir müssen wohl oder übel zurück ins Hotel und - da wir keinen vom FLUPP-Team erreichen können, der uns abholen könnte - die Rezeptionisten bitten, für uns einen geeigneten Taxifahrer zu finden, was etwa eine Stunde und etliche ungeeignete Kandidaten verbraucht…
  Oben auf dem Festivalgelände gehört der letzte Programmtag den einheimischen Literaturstars. Ich mache im Autorenzimmer ein paar Bekanntschaften und lasse mir dann an meinem Lieblingsstand ein frisches Mittagessen vor dem atemberaubenden Panorama der wimmelnden Sonnenbucht von Rio zubereiten. Mit den Literaturmädels und ein paar Dichtern vom British Council steigen wir dann hinauf in die Favela (Prazeres nennen sie sich: Freude, Vergnügen, Zufriedenheit, Befriedigung, pleasure…). Drei schüchterne Teenager-Jungs in Fußballtrikots haben eine Art prototouristischer Initiative gegründet, die Fremde durch ihr Viertel auf dem steilen Hügel von St. Teresa führen soll – wir sind vermutlich ihre ersten Kunden. Die Erklärungen der Jungs sind noch sehr mager und erklären wenig, doch die Route, die sie uns durch ihre Favela führen, ist spektakulär. Neben immer erstaunlicheren Höhenblicken auf das landschaftliche Drama von Rio (gesegnet vom Erlöserchristus, der von einer benachbarten Bergspitze nebenan herübergrüßt) ist es vor allem die genial in einander geschachtelte Architektur unzähliger kleiner Steinhäuser mit Terrassen, Durchgängen, Balkonen, Brückchen, kleinen Plätzen oder Brunnen – all dies ohne irgend eine Straße oder sonstige Infrastruktur… diese postmoderne Siedlung mutet an wie die alten Bergdörfer auf den Hügeln von Elba: Verwinkelt, gemütlich, sauber und mit sensationeller Aussicht. Nur alt, krank oder schwach darf man hier nicht sein – jeder Stein, jede Schraube, jeder Tisch und jede Flasche Wasser müssen über Hunderte Meter mühsam das verwinkelte Treppenlabyrinth hinaufgetragen werden. 
  
Die Favelabewohner empfangen uns freundlich, aber schüchtern distanziert – ihnen ist diese Art des recreational slumming (Douglas Coupland in Generation X) offenbar nicht unwillkommen, aber suspekt. Oben auf der Bergspitze angekommen, wird uns klar, das dies eine seit zwei Jahren befriedete Favela ist: Die Sondereinheiten der UPP haben die Kiezmafia der ansässigen Drogenbosse mit martialischen Handstreichen ausgemerzt und MTV hat zur Belohnung einen schicken öffentlichen Sportplatz für Basketballspiele und ähnliches spendiert. Der umzäunte Platz ist bevölkert mit Jugendgruppen aller Art, Spiel und Gesellschaft sind hier nahezu identisch. Dahinter dann zu ersten Mal ein kleiner Hang mit Geröll und Müll; ansonsten sind die Brachen an den „zu steilen“ Stellen hier mit Bananenbäumen und medizinischen Kräuterstauden bepflanzt. Die Mauern und Bauten dieser Siedlung erscheinen wie ein Tagtraum von Escher, wir kraxeln und steigen und treten hindurch – überall erwarten uns kleine Wandgemälde und andere hübsche Überraschungen. Unter einen Brückenpfeile dann entdecke ich mein eigenes Gesicht als Graffiti. Und anderswo stehen Gedichte auf den Stufen, die man beim Heraufsteigen Zeile für Zeile liest: Wer hätte gedacht, dass ein paar Verse aus „Rabet“ mal auf diese Weise in eine Favela von Rio gelangen: „Wie lange solln wir uns vertrösten / auf Paradiese, die dann irgendwann / mal kommen sollen während leise / und ungenutzt die beste Zeit verrann / verrann … (Martin Jankowski, sekundenfest)“ – steht da, wo die schwerbeladenen Favelabewohner während des Aufstiegs verschnaufen und ein Schwätzchen halten.
  Als wir zurück auf dem Festivalgelände sind, wird es Zeit für den Abschied. Ich schüttle Hände, sage Dank und umarme alle neuen Freunde und Bekannten, die ich finde, dann geht es mit dem Dichter-Van zurück zum Hotel. Um 19 Uhr holten mich Aldo und Simone, meine Übersetzer ins brasilianische Portugiesisch, ab und wir gehen ins Nova Capela, ein gemütliches, nicht ganz billiges Restaurant in der Lapa. Aldo kommt im weinrot-weiß gestreiften Trikots seines Lieblingsfußballvereins, der an diesem Tag gerade die Meisterschaft gewonnen hat (verzeih mir Aldo, auweia, ich hab schon wieder vergessen, welcher es war… unverzeihlich für brasilianische Verhältnisse, natürlich!). Wir essen gut und nehmen uns Zeit über unsere Familien zu plaudern und die Möglichkeiten gemeinsamer Veröffentlichungen und künftiger Kooperationen zu durchdenken. (Das „halbe Lamm“ - sic! - mit Brokkolireis, das ich bekam, war köstlich…) Dann zurück durch die dunkle, aber belebte Lapa (am Wochenende sind die Straßen nahe des Aquädukts wegen der vielen Partys für den Verkehr komplett gesperrt) – und vor der Hotellobby tausend Umarmungen, auch mit den Dichtern und Mitwirkenden des Festivals – es ist Zeit, Rio Adeus zu sagen, denn in der Nacht um drei Uhr geht mein Flieger, der mich über Sao Paulo nach Santiago de Chile auf die andere Seite Südamerikas bringen wird ...

Montag, 8. Oktober 2012

Das Boomzeitalter der Literatur!


Unter dem Titel "Das Nächste bitte!" hat Stephan Porombka es kürzlich ausgerufen - das unmittelbar bevorstehende Boomzeitalter der Literatur. Ja: Boomzeit! Wer hätte das gedacht. Gesponsert von der Bundeskulturstiftung leitet Prombka einen selbstgebastelten Thinktank namens LITFLOW, der die deutsche Literatur ab sofort - mit allerlei tönenden Berlin-Mitte-Events und progressiven Publikationen - in die glorreiche Zukunft führt: Internet sei dank! Zumindest bis zum Ende des Förderbewilligungszeitraumes.
  Heiß wird diskutiert und viel, vor allem von westdeutschen und ostküstenamerikanischen Literaturprofis aus dem Nicht-Bestseller-Bereich. Innovation, Nachhaltigkeit, Kreativität, aber auch papierunabhängiges Lesen und Schreiben, effektives Zielgruppenmarketing und gestaltungsoffene, multimediale Vernetzung erreichen nun - endlich! - auch den dröge vor sich hin dümpelden deutschen Literaturbetrieb. Der ja bekanntlich einer der am Boden liegendsten der Welt ist...
  Aber alles wird gut, denn erstaunliche neue Literaturformen wie E-Book, Blog-Print-on-Demand (demnächst auch in 3D) und Twitteratur befreien Autor wie Leser ab sofort von den Fesseln des Papiers und der traurigen Einsamkeit des staubmüffelnden Alleinlesers in seiner Sesselecke. Wie das alles gehen kann und wo die gesetzlichen Regelungen für die Abrechnung stehen, aber vor allem, wie ab sofort die neue Strömungs-Literatur zeitgeist- und digitalmarktgerecht zu produzieren sein wird, das klären nun Porombka und sein weltweites Litflow-Team aus Hildesheim und den angeschlossenen Goethe-Instituten: Technologisches Upgrade plus Marketing-Selbstermächtigung für ein hoffnungslos veraltetes Genre im Zeitalter der digitalen Entgrenzung. Puhhh, das war knapp. Doch noch eine Chance auf Anschluss! Danke - danke, danke, danke...   
  KANN MAN JETZT also mit e-books schneller reich und berühmt werden? Prombka sagt: Die Boomzeit ist da! Also, wie viel verdient ein deutscher Autor so derzeit? Die Wissenschaftler Kretschmer und Hardwick von der Universität Bournemouth hatten dazu, gänzlich unabhängig von Zukunftsweiser Porombka, vor wenigen Jahren etwa 25000 deutsche und britische Schriftsteller befragt. Deren wichtigste, auch 2012 noch weitgehend geltende Erkenntnisse: Im Referenz-Jahr 2005 verdienten professionelle deutsche Autoren im Durchschnitt pro Jahr 12.000 €. (Berufsautor ist, wer mehr als 50% seiner Arbeitszeit für Geld schreibt.) Das sind 42% des nationalen Durchschnittseinkommens - weniger als die Hälfte von "Otto Normalbürger" und "Lieschen Müller".
  Die 10% der wenigen deutschen Autoren von den oberen Plätzen der Bestsellerlisten verdienen 41% des Gesamteinkommens aller Autoren. Das ist dennoch keine "GEMA-Situationen" wie bei den deutschen Musikern, denn unsere Literaturstars liegen dann im Durchschnitt auch immer noch bei nur ca 40.000 € pro Jahr. Während andererseits über 50% der Autoren mit nur 12% des deutschen literarischen Jahresgesamteinkommens (DLJG) auskommen müssen. 60% der deutschen Dichter und Denker haben deshalb einen zweiten ("richtigen") Job, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. (Netzwerkadministrator? Amazonbuchhändler?) Und: Autorinnen verdienen durchschnittlich 30% weniger als ihre männlichen Kollegen. (Das entspricht exakt der deutschen Realität in den meisten anderen Bereichen.)
  Höchste Zeit, das Prombka & Co den Weg in die Zukunft frei machen! Die Boomzeit einer neuen deutschen Literatur ist nahe! (Sagt Prombka.) Fragt sich noch: Was für einer? (Und: Warum braucht Porombka für den Boom Fördergelder?)
 

Samstag, 26. Mai 2012

Buranowo oder Wo liegt eigentlich Udmurtien

Im Jahre 2005 schrieb ich (im Buch "Mein Song - Texte zum Soundtrack des Lebens") ausführlich über die schicksalhafte Bedeutung des weltweiten Sommerhits von 1977: Hotel California... Im Jahre 2008 war ich zu Gast auf einem Schriftstellerkongress in Yoshkar Ola, Hauptstadt der autonomen russischen Republik Mari El - einer Gegend nahe der Wolga, in der ein zauberhaftes finno-ugrisches Volk lebte, von dem bis dahin nicht einmal meine Bekannten im nur 800 km entfernten Moskau gehört hatten. Dort erfuhr ich auch einiges über die Udmurten, ein weiteres finno-urgisches Volk in den Weiten des Wolgalandes, mit einer ebenso erstaunlichen Kultur - und ich traf sogar eine fasziniernde junge udmurtische Dichterin (siehe unten). Deshalb empfehle ich (jenseits aller Wettbewerbsgedanken) von ganzem Herzen den Gesang der Großmütter von Buranowo!

Die junge udmurtische Dichterin Mush Nadii (2008). 
Eine Edition ihrer Gedichte in Urdmurtisch, Estnisch, Russisch und Englisch 
erschien 2006 unter dem Titel "barfuß" bei KIRJASTUSKESKUS (Tallinn). 
(Ich besitze das Buch!)