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Mittwoch, 9. Juli 2014

in der arena



in der arena


glänzende augen
knurren im hals
auf der jagd
nach fliehendem

olé das leben ist
rund im rudel die ziel
gruppe besser auszumachen
we are the verschmelzung bei tag
und in der nacht my friend

schrei der verlierer
tränen und schlieren
punktueller enttäuschung über den
unendlichen steppengräsern
der gleichheit



(aus: sekundenbuch, 2012)


Dienstag, 13. November 2012

Brasilienblog (FINALE)


Rio, Sonntag, 11 November

Der erste uneingeschränkt sonnige Tag in Rio. Ich fahre mit dem Spanier an die Copacabana. Das östliche Ende, genannt Leme, erweist sich als gut erreichbar und perfekt für einen kleinen Strandausflug mitten im Stadtalltag: Man kann mit der Metro oder dem Taxi vorfahren. Der Sand ist hier hell und weich wie an der Ostsee, aber durch die Sonne ungleich heißer. Der Strand ist mindestens fünfzig Meter breit: Nach Westen in zieht sich die Stadt mit einer weißen Promenade aus Wohn- und Geschäftshäusern in sanft geschwungenen Bogen, nach Osten begrenzt ein buckeliger Felsenberg voller Pflanzen und Palmen das Ende der Copacabana.
Die Sonne brennt, es weht ein sanftes Lüftchen, am Himmel hier und da ein Federwölkchen. Die Cariocas besiedeln den Strand gelassen und fröhlich, jeder wie er mag. Hier und da gibt es kleine Kioske oder Sportfelder. Weil das Wasser recht kühl ist, geht kaum jemand schwimmen, nur ein paar Kinder toben am Wassersaum, weiter draußen stehen einzelne Brettsurfer mit Stechpaddeln in Neoprenanzügen auf der sanften Dünung. Der Spanier und ich laufen mit nackten Füßen die Küstenlinie entlang zum Ostfelsen und steigen dort auf eine kleine Terrasse, um den Ausblick auf die elegant in die Stadt geschwungene weite Bucht zu genießen. Hinter dem Strand die weißen Gebäude einer Großstadt, dahinter die romantischen Kulissen dunkler Felsenbuckel und tiefgrüner Berge - ein Mittag wie aus einem Bilderbuch. Von der der Terrasse aus springen Schwimmer und Taucher ins Meer, es wird geschwatzt und geangelt. Wir trinken an einem Strandkiosk den erfrischenden Saft unbekannter Früchte und setzten uns dann eine Weile in den Sand. Erstaunlicher Weise gibt es hier nicht ein Fitzelchen Müll, aber auch keinerlei Muscheln und keine Möwen oder andere Seevögel; die weite, lichtdurchflutete Bucht gehört allein den Menschen und der Landschaft.
  Als wir mit dem Taxi weiter zum Festivalgelände fahren wollen, lernen wir ein Problem kennen, das typisch für Rio zu sein scheint: Weil es für unsere Favela keine klare Adresse gibt, finden wir keinen Taxifahrer, der uns dorthin fahren will… nicht, weil sie Angst vor den Leuten der Gegend hätten, sondern weil St. Teresa aus extrem steilen Hügel mit Kopfsteinpflasterstraßen besteht und man sich im Labyrinth der engen Einbahnstraßen dort stundenlang durch den Verkehr quälen kann, ohne auch nur in die Nähe des Ziels zu gelangen… zudem können wir den Weg nicht beschreiben, und selbst wenn: Die Taxifahrer hier sprechen kein Englisch… Wir müssen wohl oder übel zurück ins Hotel und - da wir keinen vom FLUPP-Team erreichen können, der uns abholen könnte - die Rezeptionisten bitten, für uns einen geeigneten Taxifahrer zu finden, was etwa eine Stunde und etliche ungeeignete Kandidaten verbraucht…
  Oben auf dem Festivalgelände gehört der letzte Programmtag den einheimischen Literaturstars. Ich mache im Autorenzimmer ein paar Bekanntschaften und lasse mir dann an meinem Lieblingsstand ein frisches Mittagessen vor dem atemberaubenden Panorama der wimmelnden Sonnenbucht von Rio zubereiten. Mit den Literaturmädels und ein paar Dichtern vom British Council steigen wir dann hinauf in die Favela (Prazeres nennen sie sich: Freude, Vergnügen, Zufriedenheit, Befriedigung, pleasure…). Drei schüchterne Teenager-Jungs in Fußballtrikots haben eine Art prototouristischer Initiative gegründet, die Fremde durch ihr Viertel auf dem steilen Hügel von St. Teresa führen soll – wir sind vermutlich ihre ersten Kunden. Die Erklärungen der Jungs sind noch sehr mager und erklären wenig, doch die Route, die sie uns durch ihre Favela führen, ist spektakulär. Neben immer erstaunlicheren Höhenblicken auf das landschaftliche Drama von Rio (gesegnet vom Erlöserchristus, der von einer benachbarten Bergspitze nebenan herübergrüßt) ist es vor allem die genial in einander geschachtelte Architektur unzähliger kleiner Steinhäuser mit Terrassen, Durchgängen, Balkonen, Brückchen, kleinen Plätzen oder Brunnen – all dies ohne irgend eine Straße oder sonstige Infrastruktur… diese postmoderne Siedlung mutet an wie die alten Bergdörfer auf den Hügeln von Elba: Verwinkelt, gemütlich, sauber und mit sensationeller Aussicht. Nur alt, krank oder schwach darf man hier nicht sein – jeder Stein, jede Schraube, jeder Tisch und jede Flasche Wasser müssen über Hunderte Meter mühsam das verwinkelte Treppenlabyrinth hinaufgetragen werden. 
  
Die Favelabewohner empfangen uns freundlich, aber schüchtern distanziert – ihnen ist diese Art des recreational slumming (Douglas Coupland in Generation X) offenbar nicht unwillkommen, aber suspekt. Oben auf der Bergspitze angekommen, wird uns klar, das dies eine seit zwei Jahren befriedete Favela ist: Die Sondereinheiten der UPP haben die Kiezmafia der ansässigen Drogenbosse mit martialischen Handstreichen ausgemerzt und MTV hat zur Belohnung einen schicken öffentlichen Sportplatz für Basketballspiele und ähnliches spendiert. Der umzäunte Platz ist bevölkert mit Jugendgruppen aller Art, Spiel und Gesellschaft sind hier nahezu identisch. Dahinter dann zu ersten Mal ein kleiner Hang mit Geröll und Müll; ansonsten sind die Brachen an den „zu steilen“ Stellen hier mit Bananenbäumen und medizinischen Kräuterstauden bepflanzt. Die Mauern und Bauten dieser Siedlung erscheinen wie ein Tagtraum von Escher, wir kraxeln und steigen und treten hindurch – überall erwarten uns kleine Wandgemälde und andere hübsche Überraschungen. Unter einen Brückenpfeile dann entdecke ich mein eigenes Gesicht als Graffiti. Und anderswo stehen Gedichte auf den Stufen, die man beim Heraufsteigen Zeile für Zeile liest: Wer hätte gedacht, dass ein paar Verse aus „Rabet“ mal auf diese Weise in eine Favela von Rio gelangen: „Wie lange solln wir uns vertrösten / auf Paradiese, die dann irgendwann / mal kommen sollen während leise / und ungenutzt die beste Zeit verrann / verrann … (Martin Jankowski, sekundenfest)“ – steht da, wo die schwerbeladenen Favelabewohner während des Aufstiegs verschnaufen und ein Schwätzchen halten.
  Als wir zurück auf dem Festivalgelände sind, wird es Zeit für den Abschied. Ich schüttle Hände, sage Dank und umarme alle neuen Freunde und Bekannten, die ich finde, dann geht es mit dem Dichter-Van zurück zum Hotel. Um 19 Uhr holten mich Aldo und Simone, meine Übersetzer ins brasilianische Portugiesisch, ab und wir gehen ins Nova Capela, ein gemütliches, nicht ganz billiges Restaurant in der Lapa. Aldo kommt im weinrot-weiß gestreiften Trikots seines Lieblingsfußballvereins, der an diesem Tag gerade die Meisterschaft gewonnen hat (verzeih mir Aldo, auweia, ich hab schon wieder vergessen, welcher es war… unverzeihlich für brasilianische Verhältnisse, natürlich!). Wir essen gut und nehmen uns Zeit über unsere Familien zu plaudern und die Möglichkeiten gemeinsamer Veröffentlichungen und künftiger Kooperationen zu durchdenken. (Das „halbe Lamm“ - sic! - mit Brokkolireis, das ich bekam, war köstlich…) Dann zurück durch die dunkle, aber belebte Lapa (am Wochenende sind die Straßen nahe des Aquädukts wegen der vielen Partys für den Verkehr komplett gesperrt) – und vor der Hotellobby tausend Umarmungen, auch mit den Dichtern und Mitwirkenden des Festivals – es ist Zeit, Rio Adeus zu sagen, denn in der Nacht um drei Uhr geht mein Flieger, der mich über Sao Paulo nach Santiago de Chile auf die andere Seite Südamerikas bringen wird ...

Montag, 12. November 2012

Brasilienblog (8 - nachts in Mangueira...)


...noch Sonntag, 11. November – Mitternacht…

>> Plötzlich öffnete sich die Stirnseite des Saales; die Stoffverkleidung entpuppte sich als Vorhang - hinter dem überraschender Weise ein einziger Schlag erklang, der das Dröhnen der Sambaband unten im Saal spielend übertönte. Es eröffnete sich der Blick auf eine breite Empore, auf der dichtgedrängt etwa 120 Menschen mit Schlaginstrumenten standen, die auf ein Zeichen ihres Meisters (ein Mulatte im roten Polohemd) plötzlich mit ganzem Körpereinsatz zu spielen begannen, als ginge es um ihre Leben. Die Schallwelle erreichte unsere Brustkörbe wie ein Tsunamiberg aus Klang und Rhythmus, es war unmöglich, sich dieser Wirkung zu entziehen. Wir blickten uns an und waren mittels Sekunden von dem Dauerfeuer dieses gigantischen Percussionsorchesters  - der Batteria- erfasst. Unten im Saal brach unbeschreiblicher Jubel aus, die Weite der Halle füllte sich augenblicklich mit hunderten Tänzern aller Hautfarben und Kleidungsstile, die ihre Beine wirbeln ließen als gäbe es kein Morgen.

Abgelenkt von der Wucht der Batteria (deren unentwegte, ohrenbetäubende Rhythmen man buchstäblich in allen Knochen fühlte) war mir nicht aufgefallen, dass sich unter den Tänzern an zwei Stellen im Saal Doppelreihen aus rosa-grün gekleideten Sambatänzern positioniert hatten (die Männer mit weißen Hüten, die Frauen mit knappen Kleidchen). Jetzt zeigten sie in lockeren Formationstänzen, wie man den Samba angehen muss: Lässig in den Hüften und ein Lächeln im Gesicht, aber mit Beinen, die trippelten und wirbelten, dass keine Kamera der Welt ihnen folgen könnte. Sie schufen sich mal hier, mal da im Saal Platz unter den Tänzern, die ihnen begeistert folgten. Und allmählich begriff ich, dass das Ganze einem ausgeklügelten System folgte: Es gab ein komplexes, aber festgelegtes Wechselspiel zwischen den Tänzern, der Batteria und der Sambaband; eine ausgeklügelte Choreographie der Stile und Sensationen über die ganze Weite der Halle hinweg, dem die Menge begeistert und ohne jede Pause folgte.
  Diese Nacht ist die öffentliche Probe des Sambaclubs von Mangueira, der derzeit legendärsten aller Sambaschulen von Rio, und das hier war nicht für Besucher wie uns gedacht, sondern eine leidenschaftliche Probe für alle Anhänger und Mitglieder dieses Clubs aus dem hiesigen Viertel. Es ging um nicht weniger als die Durchlaufproben für den Straßenkarneval von Rio, bei dem im kommenden Februar wieder die zwölf besten Clubs der Stadt um den Sieg streiten würden und dafür mussten jede Bewegung, jede Synkope perfekt sitzen, denn Mangueira hatten den Ruf der Meisterschaft zu verteidigen. Manchmal erklang unvermittelt ein ruhigeres Lied von der Saaltribüne in der Mitte – bekannte Sänger des Viertels enterten dafür mit ihren Musikern die Bühne und wurden vom Volk bejubelt, ehe die Masse zu ihrem Gesang in den nächsten Tanz ausbrach. Dann wieder übernahm die Batteria mit der Gewalt erneuter akustischer Vulkanausbrüche die Führung und die Tänzer formierten sich zu neuen Figuren und Formen, ohne dass jemals mehr als eine halbe Sekunde Pause entstehen konnte.
  Der Saal bewegte sich entlang der mitreißenden Musik stetig in Richtung Ekstase und auch wir, die wir anfangs nur verzückt auf das Treiben da unten geglotzt und ein wenig mit den Knien gewippt hatten, mussten jetzt hinunter in den Saal und uns unter die tobende, hundertköpfige Meute mischen. Während wir lachend und schwitzend in der Menge zappelten, fiel mir ein, dass es nach Mitternacht sein musste, mithin Martinstag: Vermutlich gab es noch nie einen passenderen Karnevalsauftakt als diesen hier in einer bebenden Sambahalle von Rio – auch wenn sich im katholisch geprägten Brasilien niemand um diesen Tag scherte und so etwas wie Karnevalsanfang hier gar nicht existierte…
  Wer in Rio lebt, also fast jeder von den ca. 10 Millionen echter Cariocas, gehört von Kindheit an das ganze Jahr über zu einem der Sambaclubs, die nach Stadtvierteln organisiert sind: Der Verein und die Farben des Vereins sind existenzieller Teil der persönlichen Identität und werden ebenso leidenschaftlich geliebt und verehrt, wie die Fußballclubs – und immer geht es darum, besser zu werden, um die anderen im Wettstreit um die Meisterschaft zu besiegen. Die Fahne des Sambaclubs ist eine Reliquie, die von allen auch genauso verehrt wird. Unsere (ja genau, Mangueira, der Mangobaumclub, war jetzt plötzlich auch unserer) Fahne war natürlich rosagrün, aus schwerem und handbesticktem Seidenstoff. Sie stand feierlich an der Boxringbühne, immerfort gingen Leute zu ihr hin, küssten sie und ließen sich mit ihr fotografieren. Und weil alle hier zu diesem Club gehören wollten und sollen, war die Menge im Saal auch so buntgemischt: Hier tanzten kleine sechsjährige Mädchen und Jungen mit atemberaubenden Tanz-Moves zwischen ausgeflippten Paaren; alte Herren in weißen Anzügen führten filigrane Choreografien mit ihren weißen Schuhen und Hüten auf, es gab Fußballfans in Trikots und Normalos in Jeans oder Jogginghosen; es tanzten Weiße, Mulatten oder Afrobrasilianer alle Schattierungen, Schwärme schöner junger Frauen, einsame Männer mit und ohne Muskeln, schwule Ballerinas und Dragqueens mit dem unglaublichsten Hüftschwung der Welt. Alle hatten sich etwas Besonderes angezogen, die Clubtänzer trugen Vereinsfarben – alle waren geschmückt, aber niemand war kostümiert. Alle waren ausgelassen und ließen sich von den Wellen der Musik und der Tanzbegeisterung tragen und antreiben, aber es gab kein Programm. Dieser Samba kam gänzlich ohne Flitterdeko und Späßchen aus – er besteht nur aus einem Ozean hochkomplexer Rhythmen und der Energie gemeinsamer Bewegung.
  Diese Wucht und diese lässige, aber unbedingte Leidenschaft all der ausgelassenen Verrückten, die hier einfach tanzten, tanzten, tanzten was die Knochen hergaben und wie ihnen der Sinn stand – das war schier unglaublich. (Jeder Rave, jeder Ball den ich bislang erlebte, war steifer, gekünstelter Kindergartenspaß gegen dieses Ereignis der ungebremsten Lebensfreude. Und dieses Unglaubliche schien hier etwas ganz Normales, Alltägliches, etwas so Echtes und Verbindendes… mir liefen, während wir im Dauerfeuerwerk der Klänge tanzten, die Tränen, weil ich diese Überfülle an Freude einfach nicht fassen konnte… und war nicht der einzige, Fabiana, einer echten Carioca aus dem Festivalteam, die neben mir in unserem Schwarm tanzte, ging es genauso… Mann, und das hier war ja nur eine Probe…)
  Nach etwa zwei Stunden änderte sich etwas in der Atmosphäre, man spürte, dass etwas bevorstand. Wir stiegen wieder hinauf auf unsere Betonloge und sahen von dort, wie eine neue Tanzformation in bestickter Tänzerkleidung ein Areal vor der Mittelbühne besetzte. Die auf der Empore unentwegt hin und her wogende Batteria schickte einen neuen Rhythmus-Schwall in die Halle und in die Mitte der Tänzer hielt sie Einzug.
.. Diese schlanke Tänzerin (mit edlem Tanzrock und wehenden langen Haaren das Idealbild eine lateinamerikanischen Schönheit) war die strahlend junge Königin des Clubs – ihre Schönheit erlaubte ihr als einziger in diesem Jahr die Fahne des Vereins in den Tanz zu führen. Begleitet von einem bohnenstangen-langen Afrobrasilianer (er im beigen Anzug und mit dicker weißer Sonnenbrille) schwebte sie in ihrem Vereinsköniginnenkleid mit größter Leichtigkeit und der Anmut einer Märchenprinzessin über den Tanzboden, ließ die Fahne und ihre Haare in immer neuen Formationen fliegen und riss die Menge zu weiteren Jubelstürmen und noch leidenschaftlicheren Tänzen hin. Fabiana schrie mir ins Ohr, dass sie, seit sie ein Kind war, immer davon geträumt habe, einmal die Fahnenträgerin sein zu dürfen, aber es hätte nicht geklappt und jetzt gehe sie auf die fünfzig zu… aber dann machte sie mich auf eine alte Lady und ihren würdigen Begleiter aufmerksam, die beide mit königlichen Trippelschritten in Richtung der Sambakönigin tanzten. Das sei eine der Bahias, eine der zwölf ehrwürdigen Zauberinnen, die den Sambazug und seine Königin begleiten würden, um sie vor schlechten Einflüssen zu schützen, denn diese alten Damen symbolisierten die Verbindung zum Ursprung des Sambas in den Tänzen und Riten der afrikanischen Sklaven von Bahia (einer Region nördlich von Rio). Die Tänzerkönigin und die Bahia begegneten sich schließlich, die Bahia küsste die Fahne, die ihr die Tanzkönigin reichte, und sie, die auserwählte Fahnenträgerin, verneigte sich vor der Bahia – an dieser Stelle wurde der Jubel der Massen in der Halle fast lauter als das ohrenbetäubende Dauerfeuer des hundertzwanzig Percussionistas auf der Empore: Der Saal kochte in höchster Ekstase (und Fabiana wischte sich weitere Tränchen aus dem strahlenden Gesicht)…
 
Wir blieben nicht die ganze Nacht dort (das würden Normalsterbliche wie wir gar nicht überleben) und sahen das Ende der Zeremonien nicht, aber wir verließen den Sambaclub (von dem wir immer noch nicht glauben konnten, dass er für jedermann offen und gratis war und dass es sich nur um eine Probe handeln sollte) erst Stunden nach dem wir es eigentlich geplant hatten. Zum ersten Mal gab es auf diesem Heimweg im Dichterbus keine höfliche Konversation – alle rangen mit glühenden Gesichtern um Fassung und versuchten sich gegenseitig zu erklären, was wir da eben gesehen und gehört hatten … Selbst unsere zurückhaltenden arabischen Jungdichter plapperten und lachten jetzt aufgeregt und mit glänzenden Augen (und versuchten vermutlich sich selbst davon zu überzeugen, dass dieser verderbte westliche Zauber Allah eventuell hoffentlich doch auch ein bisschen gefallen würde…). Solch einhellig begeisterte Ergriffenheit hatte es auf diesem Festival unter den Dichtern bislang noch nicht gegeben.


(PS: Beim Frühstücksgespräch hatte ich auf die Höflichkeitsfrage des Spaniers, ob ich denn für mein Schreiben Prosa oder Lyrik vorzöge, mit dem Bonmot geantwortet, es sei die Musik, die ich bevorzöge... Diese nicht nur scherzhaft gemeinte Antwort erhielt durch das Erlebnis im Sambaclub nachträglich einen tieferen Sinn…)