Ankunft in Thessaloniki, 8. Februar, früher Nachmittag. Der
blitzend moderne Flughafen ist merkwürdig still. Während zeitgleich in Athen
die europäischen Bosse um das ökonomische Schicksal des ägäischen Staates
verhandeln, herrscht hier völlige Totenstille. Erst gestern lähmte ein
Generalstreik das ganze Land und der wütende Mob der unteren Zehntausend
verbrannte tanzend deutsche Fahnen auf der Straße der Hauptstadt. Hier hingegen
ist jetzt alles unwirklich sauber und leer. Es ist nasskalt, knapp über Null
schätze ich, gegen die knackige klare Kälte Berlins ist das hier unangenehm. Nebenan
hat in einer Halle ein Kiosk geöffnet, die Sandwiches sind frisch, aber innen
gefroren. Ein belegtes Baguette kostet knapp 5 Euro, eine einstündige lokale Busfahrt
80 Cent. Unterwegs sehen wir kaum Leute, aber
jede Menge leere Läden und neue Gebäude. Der Großteil von Thessaloniki
besteht offenbar aus eng beieinanderstehenden Neubauten. Doch auch wo Licht
brennt in den Läden - kein einziger Kunde zu sehen. An den vielen Ticketschaltern
im riesigen Überland-Busbahnhof selbst zur Rush-Hour kaum Kunden. Alles ist
beängstigend ruhig.
Dann die Autobahn entlang der Küste
nach Südwesten. Das Meer sehen wir nicht, alles ist diesig und in blendendes
Grau gehüllt. Außerhalb der Stadt ein unbekanntes Griechenland: Weite,
schneebedeckte Ebenen in dichtem Dunst. Auf der Autobahn so gut wie keine Autos,
es gilt Mautpflicht. Die dreispurige Straße gehört stundenlang ganz uns, hin
und wieder auf der Gegenseite ein anderer Bus, ansonsten kilometerweit
grauweiße Weite und Leere. (Auf unserer Seite jedoch streckenweise leuchtende
Straßenlaternen.) Ich rede mit Alan über eine Fahrt nach York und habe
plötzlich das Gefühl, irgendwo durch Nordengland zu fahren. Auch die wenigen
Bäume im Dunst an den Straßenrändern sind blattlose Laubbäume, kaum Pinien.
Vielleicht verschwindet die mediterrane Pflanzenwelt auch einfach unter dem
Schnee und der macht die Mitte der griechischen Provinz zur ganz gewöhnlichen mitteleuropäischen.
Linkerhand im letzten Abenddämmer eine alte Burg auf einem Doppelhügel, umgeben
von Nadelbäumen, es wird bergig und das könnte jetzt auch Thüringen sein. Alan
sagt, wir kämen in die Nähe des Olymps. Die Bordanzeige des Busses meldet 4 Grad
plus. Dann wird es rasch dunkel und wir sehen nur hin und wieder die
Streulichter der Orte und Städte, die wir passieren.
Als wir in Volos ankommen, ist es
dunkel: 6 Grad, Nieselregen. Später, in der neonhellen gekachelten
Innenstadtpinte, trinken wir in großer Runde den ortsüblichen Anisschnaps
namens Tsipouro aus kleinen Fläschchen und essen den Abend über zig kleine
Gänge aus tausenderlei Meeresfrüchten und lokalen Köstlichkeiten. Neben den
Griechen sind auch die Leute von Zypern gekommen, die Italiener sind da
(Cristina, wiewohl Italienerin, gilt als
Deutsche, weil sie zu mir gehört) und die Katalanen kommen zu viert. Als es
allmählich lauter wird an der langen Tafel, sagt der gute alte
Englisch-for-you-Alan: „Martin, ich fürchte, wir zwei sind die einzigen
Nordeuropäer. Wir sind die Nordis, die anderen die Südis.“ Haha, das stimmt
wohl - und fühlt sich ganz gut an. Im Fernsehen über dem Tisch besiegt die
Basketballmannschaft von Olympiakos knapp das Türkenteam von Efes Pilsener.
Anastasia aus Volos, die neben mir sitzt, meint irgendwann, nachdem der
Smalltalk über die Familie beendet ist, in Griechenland verbrennten sie jetzt
deutsche Fahnen, aber in Deutschland brächten die Nazis immer noch Fremde um.
Ich solle entscheiden, was schlimmer wäre. Tja. Themenwechsel zum Wetter, oder?
Später am Abend beginnen die alten
Männer am Nachbartisch zu Akkordeon und Gitarre lauthals mehrstimmige
griechische Volkslieder zu singen. Wer will, stimmt ein, die andern quatschen
und lachen weiter. Der Wirt und die Köchin singen während der Arbeit mit.
Quittungen werden in jeder gewünschten Höhe ausgestellt.