Sonntag, 17. Februar 2013

mantis


     gottesanbeterin

                                sumbawa, 2003

     bricht nacht herein
     schwirrt sie torkelnd heran
     krallt sich in die wand
     hebt die dürren arme

     sie wendet den kopf
     wenn ich wage zu atmen
     blickt aus lidlosen augen
     lange mich an

     tief in der nacht
          öffne ich die augen erneut
     immer noch sieht sie
          mich an






Samstag, 22. Dezember 2012

kriegstanz der sterne



sedna in der inneren oortsche wolke
tanzt in den kältesten tiefen
der uns unbekannten
welt

geminga
vor dreihunderttausend jahren
von einer supernova geboren
schuf die kleine dichte
unsere lokale blase

wir
verblasener kehricht der sterne
tanzen im sonnenwind
der prächtigen heliosphäre
ahnungslos winzige wanzen
mit zwanzigtausend metern
sonnenapex pro sekunde

wir durchmessen
schwatzend und unbemerkt
die unfassbare leere
der lokalen flocke
in den krustenfalten
eines wasserbröckchens
blinde passagiere
für einen augenblick

alpha centauri und deneb
altair und wega und arktur
proxima cenautri und auch du
fomalhaut

tanzt für uns
denn wir können
nichts wissen

nichts sehen
als euch

für einen
blitzhaft ewigen
moment


Mittwoch, 19. Dezember 2012

WELTLAUF DER MAYA*

(21. Dezember 2012)


Die Brote liegen stumm in dem Regal,
auf flachen Schirmen flimmert unsre Zeit.
Geldkurse steigen auf und werden breit
Und für die Künste - liest man - steigt der Preis.

Der Strom ist grün, die Winterwinde zupfen
am Glockenspiel, um hochbegabte Kinder zu entzücken.
Die Menschen haben heuer keinen Schnupfen.
Die Züge gleiten lautlos über Brücken.









* Maya: In der hinduistischen Philosphie stellt Maya die Illusion des begrenzten, verblendeten Ich dar, das die Realität als nur psychisch und mental versteht und das wahre Selbst, die Natur der Dinge nicht erkennt.


Samstag, 15. Dezember 2012

GERHARD SCHÖNBERNER GESTORBEN

DICHTER UND PUBLIZIST GERHARD SCHÖNBERNER GESTORBEN. Wie mir sein Hamburger Verlag mitteilte, ist Gerhard Schoenberner, dessen Gedichtband "FAZIT" ich am 3. Oktober noch in einer Matinee im Berliner Literaturhaus präsentiert hatte, überraschend am vergangenen Montag (10.12. 2012)  im Alter von 81 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Ich bin bestürzt und traurig, denn der blitzgescheite freundliche Mann mit dem wachen Geist erschien bei der Lesung voller geradezu jugendlichem Elan und Witz. Für das kommende Jahr war eine weitere Zusammenarbeit angedacht. 

 

Die Beerdigung findet am 20. Dezember im engsten Kreise statt. Es gibt aber am 10. Januar 2013 eine öffentliche Gedenkfeier in Berlin, in der Todesanzeige der Süddeutschen Zeitung stehen die genauen Angaben dazu.
 

Schoenberner war einer der ersten, der - Ende der Fünfziger Jahre schon - die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands kritisch reflektierte. Zu seinen wichtigsten Werken gehört das 1960 veröffentlichte Buch "Der gelbe Stern". Darin arbeitete Schoenberner als einer der ersten die europäische Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg historisch auf. Für die ARD produzierte er 1969 die zwölfteilige Reihe "Film im Dritten Reich". Später war er u.a. als Berater des Berliner Projektes "Topographie des Terrors" sowie als Gründungdirektor des "Hauses der Wannseekonferenz" tätig. Sein Gedichtband "FAZIT" gilt mit seiner Brechtschen Knappheit und klarer Sprache als das lyrische Vermächtnis eines engagierten und lebensbejahenden Humanisten. (Ausführlicheres dazu HIER.)