Donnerstag, 15. November 2012

Chile Blog (3)


Santiago de Chile - Mittwoch, 14. November 

Um acht Uhr weckt mich Julio, er fährt zur Arbeit in der Stiftung, ich mache mich zu Fuß auf den Weg zum Interview beim Radio Universidad de Chile das nicht weit entfernt in einem hübschen, himmelblauen Gebäude seinen Sitz hat. Ich werde erwartet von Livi Lavin, einer sympathischen, sehr interessierten Journalistin, die wie ich verfluchte, dass wir für diese Begegnung an das ungeliebte Hilfsmittel der englischen Sprache gebunden sind (die den Reichtum unserer originalen Gedanken natürlich niemals genügend komplex wiederzugeben vermag...) – und die mich zunächst mit dem (gerade auf seine Sendung wartenden) weltweit gefeierten Astronomen Prof. José Maza bekannt macht, dessen bahnbrechenden Arbeiten über Supernovae die Erkenntnis ermöglichte, dass unser Universum unumkehrbar expandiert (wofür andere letztes Jahr den Nobelpreis bekamen). Wir plaudern darüber, das in der DDR etwas wie Astronomie nur studieren durfte, wer sich ohne jeden Widerspruch Margot Honeckers Ideal einer „allseits entwickelten sozialistischen Perönlichkeit“ unterwarf.

  Margot Honecker wurde dann ungeplanter Weise auch das Leitmotiv des einstündigen Interviews über meine Arbeit und mein Leben; es ging u.a. darum, unter welchen Bedingungen ich aufwuchs und warum ich „Sänger, Dichter und Schriftsteller“ wurde (eine allgemein in Lateinamerika offenbar immens wichtige Unterscheidung). Die Geschichte der Opposition in der DDR wurde dann ebenso im Schnelldurchlauf besprochen wie die zahlreichen Querverbinungen zwischen unseren Kulturen: Kaum ein Land in der westlichen Hemisphäre war uns Ostdeutschen wohl so vertraut wie Chile (seit und nach Allende), ausgenommen natürlich Kuba - während die deutschen Einwanderer und ihr Vermächtnis in Chile bedeutend präsenter sind als bei uns. Ich wies u.a. auch darauf hin, das heute zwei Ostdeutsche an der Spitze des deutschen Staates stünden; aber auf die erschrockene Rückfrage, ob ich etwa die Positionen Merkels und Gaucks teilen würde verweigerte ich nähere Auskünfte mit dem Hinweis, das ich diese Frage hier nicht kurz und einfach beantwortet könnte und eine angemessene Antwort darauf eine weitere Stunde in Anspruch nehmen würde… Dann war die Zeit um; die Sendung wird in den nächsten Tagen synchronisiert und dann in der kommenden Woche gesendet. (Zum Glück hatte Livi Lavin die angekündigte Gitarre nicht mitbringen können, sodass ich keine morgendlichen Gesangsaufnahmen machen muss, wie sie ursprünglich angedacht waren.) 
  Ich kehre zurück an den fliegenden Schreibtisch, es müssen Dinge mit Berlin (Büro, Literurwerkstatt etc.); London (der geliebte British Council, das NWC, Kei Miller etc.) sowie Rio geklärt werden (Toni braucht Material für einen Essay übers FLUPP); auch „Dänemark ruft“ (wie die Email mit Spezialaufträgen von commandante Niels benannt ist, der mir auch sein Lieblingslied über die Straßen von Santiago mailt.). Mittags esse ich nach 14 Uhr in einem Bistro um die Ecke: Hier bäckt man frische Empanadas (duftende, tellergroße Hefeteigtaschen mit heißen Füllungen) und trinkt tropische Fruchtsäfte oder Kaffee. Übrigens: Obwohl Santiago als Stadt mit der schlechtesten Luft der Welt gilt (und ich beim Anflug selbst ja die riesige Smogwolke über dem langestreckte Talkessel sah), empfinde ich sie bislang als einen wunderbaren Ort der Wohlgerüchte: Am Flughafen draußen roch es angenehm leicht nach Pinienholz und Rauch, in der Stadt nach dem Blütenhauch der Straßenbäume; und in Julios kleinem Hofgarten (mit blühenden Rosen und ständig besetztem Pförtnerhäuschen) duftet es (mitten im Alltagsverkehr) immer wunderbar warm nach einer kleinen Imbiß-Bäckerei im Erdgeschoss.    
Abends fahren wir mit dem himmelblauen Suzuki dann in eine nordöstliche Gegend, in der die seit Jahrhunderten regelmäßigen Erdbeben von Santiago noch ein paar ältere (einstöckige) Häuser stehen ließen. Die Kneipe heißt San Remo, aber es ist eine weitläufige, traditionell-chilenische Gastwirtschaft, bei der noch auf dem offenen Feuer gebraten wird und die Tische und Plastikstühle wild in den offenstehenden Zimmern hin und her geräumt werden. Die Dichter Miguel Naranjo (Michel Apfelsine genannt Meikel Orange) und Leonardo Sanhueza gesellen sich zu uns und erzählen, dass das San Remo demnächst abgerissen werden soll, weil eine neue U-Bahnstrecke entsteht – und prompt taucht ein Bekannter von Julio auf und will uns alle für die Bürgerinitiative gegen den Abriss gewinnen. Leonardo schlägt vor, für das San Remo eine hausgroße Beule in den Verlauf der U-Bahnstrecke gebaut werden soll. Als Spezialität des Hauses gibt es, nun ja, Schweinerollen, zumindest ist das Fleisch sehr zart und sehr mager. Wie allgemein üblich gibt es hier als Salat Avocadoschnitze mit Selleriestangescheibchen, dazu Essig, Öl & frische Zitrone, sehr lecker.
  Als ich berichte, dass der Astronomieprofessor Maza mir heute erklärt hätte, dass dank seiner Forschung nun erwiesen ist, dass sich das Weltall immer weiter ausdehen und alle Dinge sich immer weiter entfernen werden - was ich traurig fände, weil mir so das Happyend fehlen würde, bei dem am Ende alle und alles wieder zusammenkäme - meinte Leonardo trockendas seien doch wunderbare Nachrichten, er fände das gut - dann gäbe es bald mehr Platz für jeden von uns... Wir lachen uns schlapp und finden noch allerlei Themen zum, ja,  gehobenen Kneipenphilosphieren. Julio aber hat Stress mit der Endproduktion und Bezahlung des Zubehörs für die nächste, noch geheime, Aktion von Casa Grande nächste Woche, deswegen telefoniert er viel und ist insgesamt heute eher genervt. Allerdings haben die Chilenen eines drauf: Am Tisch (und schon gar nicht auf ihm) gibt es generell keine Handys, man redet miteinander und wichtiger als irgendwelche Themen abzuhandeln ist es, mit heiteren Ideen allen eine gute Stimmung zu bereiten. Sehr sympathisch.   

Mittwoch, 14. November 2012

CHILE Blog (2 - Ankunft in Santiago)


Santiago de Chile - Dienstag, 13. November

Früh am Morgen verschwindet Julio zur irgendeinem dienstlichen Außentermin. Mein Radio-Interview verschiebt sich um einen Tag, sodass ich endlich Zeit habe mal ein wenig zu bummeln (das erste Mal auf dieser Tour); also ausschlafen, duschen, lesen, schreiben, Gepäck sortieren, einkaufen gehen usw.; Julio hat ausgezeichneten guatemaltekischen Bauern-Kaffee, den ich in großen Tassen zu mir nehme während draußen in der heißen Sonne der Verkehr von Santiago um das Haus braust (einmal dachte ich deswegen gar, ich hätte die Dusche angelassen). Den Mittagsimbiss hole ich mir im Kiez-Lebensmittelladen nebenan.
Nachmittags mache ich mich auf den Weg in die Stadt, ich bummele in der trockenen Hitze des Tages langsam Richtung Zentrum und genieße das südländische Flair dieser Gegend, in der es besonders viele Privatuniversitäten und kleinere Banken zu geben scheint. Schließlich steige ich hinab in die Metro, um etliche Stationen bis ins Herz der Stadt zu fahren. In einer ruhigen Seitenstraße finde ich die Universidad Diego Portales. Nach einer Minute Wartezeit braust Julio in seinem blauen Zauber-Suzuki heran und wir betreten die angenehm kühle und helle Universität, die mir wegen ihrer fröhlichen Farben fast wie eine Grundschule vorkommt. An den Wänden hängt hier und da ein Poster mit meinem Konterfei, daneben dunkle Gedächtnisposter für einen Dozenten, der vor einem Monat bei einem Sturz in den Fahrstuhlschacht dieses Gebäudes starb. 

 
Wir besuchen Rodrigo Roja, den Leiter der Abteilung Kreatives Schreiben, in seinem Büro, später treffen wir auch Prof. Kurt Folch, den Chef der Fakultät. Beide gehen mit uns in das Seminar für literarisches Übersetzen, bei dem ca. 12 Studenten mit Julios Übertragungsentwürfen von vier meiner Gedichte konfrontiert werden. Bei Keksen und wilden Diskussionen zerpflücken sie gemeinsam meine „Malaria“, wobei mir besonders zwei Jungs auffallen, die meinen deutschen Text offenbar noch genauer lesen als Julio und ihn mehrfach auf raffinierte Wendungen aufmerksam machen, die schon im Deutschen schwer zu verstehen sind – und dies, obwohl sie kein Deutsch können und nur die autorisierte englische Fassung als Hilfe haben. Nach anderthalb Stunden ist natürlich noch nicht einmal dieses Gedicht fertig besprochen; alles in allem habe ich von den Disputen auch nicht sehr viel verstanden, aber das Seminar ist zuende, wir plaudern noch ein wenig mit den Dozenten und brausen dann mit den himmelblauen Zaubersuzuki zurück nach Hause.

 
Abends schwingen wir uns auf die Räder und radeln um die Ecke, um Ingrid abzuholen. Das sie eine besondere Person ist, wird sofort klar, wenn man sie selbstbewusst und anmutig aus ihrem Wohnblock treten sieht: mit Kleid, Tuch und Tasche in unauffälligen, aber femininen Pastellfarben tritt sie als mädchenhaft-zerbrechliche Lady auf, deren Alter schwer zu schätzen ist. Selbst ihr Fahrrad passt auf dezente Weise zu diesem unaufdringlichen, aber überzeugenden Stil. Ingrid Isensee spricht Deutsch, aber sie hasst ihren „Oma“-Namen (vollständig: Ingrid Karina Isensee) und all dies verdankt sie irgendwelchen ihr ziemlich fremden germanischen Vorfahren, die ihre Eltern mit der Erziehung in ewigen Ehren halten wollten. Ingrid ist eine angesagte Filmschauspielerin (in einem deutschen TV-Film über Chile hat sie u.a. vor einiger Zeit die junge Hannelore Elsner gespielt), aber vor allem spielt sie im chilenischen Gegenwartskino. Fröhlich, unprätentiös und ein wenig melancholisch radelt sie mit uns durch das dämmernde Santiago und ringt um vergessene deutsche Vokabeln. 

 
Wir alle sind eingeladen zu einem Freundschafts-Essen bei Alicia, einer chilenischen Filmregisseurin, anlässlich des Besuches eines italienischen Filmemachers, Alessandro, der demnächst im Süden Chiles einen Road-Movie über zwei italienische Homosexuelle drehen will... Etliche chilenische Aktivisten der hiesigen Filmszene nehmen teil an der lockeren Wohnzimmer-Zusammenkunft, bei der es indisches Essen aus Töpfen vom Tischbuffet gibt. Die Gespräche sind atmosphärisch familiär und wirklich interessant (unter anderem mit der französischen Sängerin der in Chile und Frankreich sehr populären Rockband PANICO, die gerade einen Experimentalfilm in den nördlichen Wüsten Chiles abgedreht haben…); besonders spektakulär jedoch ist die Aussicht von Alicias Balkon auf den schier endlosen Sonnenuntergang über dem abendlichen Zentrum Santiagos ...


CHILE Blog (1 - über die Anden)


Montag, 12. November, Rio de Janeiro – Santiago de Chile


In der Nacht um drei Uhr holte mich ein Wagen  des Festivals in der Lapa ab und fuhr mich durch das schlafende Rio zum nächtlichen Flughafen. Gegen sechs ging mein Flieger, aber man musste rechtzeitig dasein, um dann stundenlang abzuwarten, wann der Check-in endlich öffnete, der für alle Flüge des morgens gleichzeitig war (dementsprechend umständlich und langwierig wurde diese nächtliche Aktion für mich). Endlich im Flugzeugsitz angelangt fiel ich sofort in einen tiefen Schlaf, noch bevor wir abhoben, und erwachte erst anderthalb Stunden später bei der Landung in Sao Paulo. Dort regnete es in der Morgendämmerung und meine kurze Umsteigezeit wurde durch die völlige Unfähigkeit des dortigen Flughafenpersonals noch unterhaltsam verkompliziert: Es brauchte sage und schreibe acht Leute und sechs verschiedene Schalter, ehe klar war, dass das Gepäck doch nicht abgeholt und neu eingecheckt werden und ich nicht nur in ein anderes Terminal muss, sondern meine Bordkarte aus Rio hier schon nichts mehr gilt und ich (an Schalter 29b im anderen Gebäude) eine neue beantragen muss - kurz: Rio = juhu!!; Sao Paulo = auweia, auweia… Der vollbesetzte Großraumflieger auf die andere Seite Südamerikas erwies sich zum Glück als geräumig und komfortabel. So südlich auf dem Globus war ich noch nie, so weit westlich auch nicht, und den Pazifik habe ich zuletzt vor zwei Jahren vom östlichen Zipfel Biak-Papuas aus betrachtet, also vom gegenüberliegenden Ufer, gleich hinter der Südsee… dachte ich noch, ehe mir im morgentlichen Nieselregen von Sao Paulo die Augen zufielen.
  Der Anflug nach Santiago führte über die schneebedeckten
Cordillera de los Andes, deren faltige Rücken prächtig und breit und einem strahlend blauen Himmel glitzerten. Über einem Seitental dann plötzlich eine dunstige braune Wolke, dorthinein flogen wir und landeten in einer staubtrockenen Ebene, die mit ihren verstreuten Bäumen an südeuropische Sommergefilde erinnerte (Südspanien? Griechenland nach einem heißen Sommer? Der ausgedörrte Süden Italiens?) bei strahlendem Sonnenschein. Der Flughafen mutete ziemlich europäisch an und Abfertigung wie Gepäckausgabe funktionierten trotz riesiger Passagiermassen reibungslos und rasch.
 
Julio wartete am Ausgang schon, mit seinem uralten himmelblauen Sportsuzuki fuhren wir durch die staubige Hitze einen fast leeren Highway entlang trockener Hügelketten, bis wir irgendwann abfuhren und uns plötzlich mitten im Berufsverkehr einer - südeuropäisch anmutenden - Großstadt befanden. Ich beschloss, vorerst auf Fotos zu verzichten, da auf den Bildern nichts zu sehen sein würde, was nicht anderswo zuhause genauso zu finden wäre... Julios Wohnung im Stadtteil Providenca ist eine waschechte Junggesellenbude mit drei sonnenhellen Zimmern, einer Gästekammer, einer Küche und drei verwinkelten Badezimmern – bequem und mit allem was man braucht, aber abgelebt und unaufgeräumt: Hier wohnt eindeutig jemand draußen in der immerwarmen Welt und kommt nur ab und zu zum Schlafen nachhause... Ich richte mich in einem Zimmer ein, dass zu drei Vierteln von einem großen alten Holzbett im Kolonialstil ausgefüllt wird, und gehe an die Schreibarbeit, während Julio noch einmal in seine Stiftung fährt.
  Abends radeln wir durch den (für Radfahrer nahzu lebensgefährlichen) Chile-Verkehr zu einem patagonischen Restaurant. Wir treffen - bei Schwertfischsetak und deutsch-chilenischem Bier - einige Freunde Julios: Verleger, Dichter, Dozenten, mit denen ich es in den nächsten Tage zu tun haben soll (darunter Rodrigo Rojas, der Dozent des morgigen Seminars an der UDP - und Gloria Dünkler, eine blitzgescheite junge Poetin mit schrägen Ideen, deren ungewöhnliches Büchlein „Spandau“ sich mit den Nachfahren jener deutschen Siedler beschäftigt, die sich im südlichen Chile einst mit einheimischen Mapuche-Indianern verbündeten - und die ihre Vorfahren sind…). Man stellt sich allseits vor, überreicht mir Gedichtbändchen und plaudert über Gott und die Welt - leider vergisst man desöfteren, dass ich kein Spanisch kann und auch Englisch nicht meine Muttersprache ist … (Witzig hingegen: Hier küsst man sich auch als Fremde erst mal auf die Wange als wäre man seit Generationen blutsverwandt; dann stellt man sich eventuell auch mal vor, falls dazu Zeit ist…) Im Dunkeln radeln Julio und ich schließlich kreuz und quer durch das Viertel zurück. Und fallen wie Steine in unsere Betten…

Dienstag, 13. November 2012

Brasilienblog (FINALE)


Rio, Sonntag, 11 November

Der erste uneingeschränkt sonnige Tag in Rio. Ich fahre mit dem Spanier an die Copacabana. Das östliche Ende, genannt Leme, erweist sich als gut erreichbar und perfekt für einen kleinen Strandausflug mitten im Stadtalltag: Man kann mit der Metro oder dem Taxi vorfahren. Der Sand ist hier hell und weich wie an der Ostsee, aber durch die Sonne ungleich heißer. Der Strand ist mindestens fünfzig Meter breit: Nach Westen in zieht sich die Stadt mit einer weißen Promenade aus Wohn- und Geschäftshäusern in sanft geschwungenen Bogen, nach Osten begrenzt ein buckeliger Felsenberg voller Pflanzen und Palmen das Ende der Copacabana.
Die Sonne brennt, es weht ein sanftes Lüftchen, am Himmel hier und da ein Federwölkchen. Die Cariocas besiedeln den Strand gelassen und fröhlich, jeder wie er mag. Hier und da gibt es kleine Kioske oder Sportfelder. Weil das Wasser recht kühl ist, geht kaum jemand schwimmen, nur ein paar Kinder toben am Wassersaum, weiter draußen stehen einzelne Brettsurfer mit Stechpaddeln in Neoprenanzügen auf der sanften Dünung. Der Spanier und ich laufen mit nackten Füßen die Küstenlinie entlang zum Ostfelsen und steigen dort auf eine kleine Terrasse, um den Ausblick auf die elegant in die Stadt geschwungene weite Bucht zu genießen. Hinter dem Strand die weißen Gebäude einer Großstadt, dahinter die romantischen Kulissen dunkler Felsenbuckel und tiefgrüner Berge - ein Mittag wie aus einem Bilderbuch. Von der der Terrasse aus springen Schwimmer und Taucher ins Meer, es wird geschwatzt und geangelt. Wir trinken an einem Strandkiosk den erfrischenden Saft unbekannter Früchte und setzten uns dann eine Weile in den Sand. Erstaunlicher Weise gibt es hier nicht ein Fitzelchen Müll, aber auch keinerlei Muscheln und keine Möwen oder andere Seevögel; die weite, lichtdurchflutete Bucht gehört allein den Menschen und der Landschaft.
  Als wir mit dem Taxi weiter zum Festivalgelände fahren wollen, lernen wir ein Problem kennen, das typisch für Rio zu sein scheint: Weil es für unsere Favela keine klare Adresse gibt, finden wir keinen Taxifahrer, der uns dorthin fahren will… nicht, weil sie Angst vor den Leuten der Gegend hätten, sondern weil St. Teresa aus extrem steilen Hügel mit Kopfsteinpflasterstraßen besteht und man sich im Labyrinth der engen Einbahnstraßen dort stundenlang durch den Verkehr quälen kann, ohne auch nur in die Nähe des Ziels zu gelangen… zudem können wir den Weg nicht beschreiben, und selbst wenn: Die Taxifahrer hier sprechen kein Englisch… Wir müssen wohl oder übel zurück ins Hotel und - da wir keinen vom FLUPP-Team erreichen können, der uns abholen könnte - die Rezeptionisten bitten, für uns einen geeigneten Taxifahrer zu finden, was etwa eine Stunde und etliche ungeeignete Kandidaten verbraucht…
  Oben auf dem Festivalgelände gehört der letzte Programmtag den einheimischen Literaturstars. Ich mache im Autorenzimmer ein paar Bekanntschaften und lasse mir dann an meinem Lieblingsstand ein frisches Mittagessen vor dem atemberaubenden Panorama der wimmelnden Sonnenbucht von Rio zubereiten. Mit den Literaturmädels und ein paar Dichtern vom British Council steigen wir dann hinauf in die Favela (Prazeres nennen sie sich: Freude, Vergnügen, Zufriedenheit, Befriedigung, pleasure…). Drei schüchterne Teenager-Jungs in Fußballtrikots haben eine Art prototouristischer Initiative gegründet, die Fremde durch ihr Viertel auf dem steilen Hügel von St. Teresa führen soll – wir sind vermutlich ihre ersten Kunden. Die Erklärungen der Jungs sind noch sehr mager und erklären wenig, doch die Route, die sie uns durch ihre Favela führen, ist spektakulär. Neben immer erstaunlicheren Höhenblicken auf das landschaftliche Drama von Rio (gesegnet vom Erlöserchristus, der von einer benachbarten Bergspitze nebenan herübergrüßt) ist es vor allem die genial in einander geschachtelte Architektur unzähliger kleiner Steinhäuser mit Terrassen, Durchgängen, Balkonen, Brückchen, kleinen Plätzen oder Brunnen – all dies ohne irgend eine Straße oder sonstige Infrastruktur… diese postmoderne Siedlung mutet an wie die alten Bergdörfer auf den Hügeln von Elba: Verwinkelt, gemütlich, sauber und mit sensationeller Aussicht. Nur alt, krank oder schwach darf man hier nicht sein – jeder Stein, jede Schraube, jeder Tisch und jede Flasche Wasser müssen über Hunderte Meter mühsam das verwinkelte Treppenlabyrinth hinaufgetragen werden. 
  
Die Favelabewohner empfangen uns freundlich, aber schüchtern distanziert – ihnen ist diese Art des recreational slumming (Douglas Coupland in Generation X) offenbar nicht unwillkommen, aber suspekt. Oben auf der Bergspitze angekommen, wird uns klar, das dies eine seit zwei Jahren befriedete Favela ist: Die Sondereinheiten der UPP haben die Kiezmafia der ansässigen Drogenbosse mit martialischen Handstreichen ausgemerzt und MTV hat zur Belohnung einen schicken öffentlichen Sportplatz für Basketballspiele und ähnliches spendiert. Der umzäunte Platz ist bevölkert mit Jugendgruppen aller Art, Spiel und Gesellschaft sind hier nahezu identisch. Dahinter dann zu ersten Mal ein kleiner Hang mit Geröll und Müll; ansonsten sind die Brachen an den „zu steilen“ Stellen hier mit Bananenbäumen und medizinischen Kräuterstauden bepflanzt. Die Mauern und Bauten dieser Siedlung erscheinen wie ein Tagtraum von Escher, wir kraxeln und steigen und treten hindurch – überall erwarten uns kleine Wandgemälde und andere hübsche Überraschungen. Unter einen Brückenpfeile dann entdecke ich mein eigenes Gesicht als Graffiti. Und anderswo stehen Gedichte auf den Stufen, die man beim Heraufsteigen Zeile für Zeile liest: Wer hätte gedacht, dass ein paar Verse aus „Rabet“ mal auf diese Weise in eine Favela von Rio gelangen: „Wie lange solln wir uns vertrösten / auf Paradiese, die dann irgendwann / mal kommen sollen während leise / und ungenutzt die beste Zeit verrann / verrann … (Martin Jankowski, sekundenfest)“ – steht da, wo die schwerbeladenen Favelabewohner während des Aufstiegs verschnaufen und ein Schwätzchen halten.
  Als wir zurück auf dem Festivalgelände sind, wird es Zeit für den Abschied. Ich schüttle Hände, sage Dank und umarme alle neuen Freunde und Bekannten, die ich finde, dann geht es mit dem Dichter-Van zurück zum Hotel. Um 19 Uhr holten mich Aldo und Simone, meine Übersetzer ins brasilianische Portugiesisch, ab und wir gehen ins Nova Capela, ein gemütliches, nicht ganz billiges Restaurant in der Lapa. Aldo kommt im weinrot-weiß gestreiften Trikots seines Lieblingsfußballvereins, der an diesem Tag gerade die Meisterschaft gewonnen hat (verzeih mir Aldo, auweia, ich hab schon wieder vergessen, welcher es war… unverzeihlich für brasilianische Verhältnisse, natürlich!). Wir essen gut und nehmen uns Zeit über unsere Familien zu plaudern und die Möglichkeiten gemeinsamer Veröffentlichungen und künftiger Kooperationen zu durchdenken. (Das „halbe Lamm“ - sic! - mit Brokkolireis, das ich bekam, war köstlich…) Dann zurück durch die dunkle, aber belebte Lapa (am Wochenende sind die Straßen nahe des Aquädukts wegen der vielen Partys für den Verkehr komplett gesperrt) – und vor der Hotellobby tausend Umarmungen, auch mit den Dichtern und Mitwirkenden des Festivals – es ist Zeit, Rio Adeus zu sagen, denn in der Nacht um drei Uhr geht mein Flieger, der mich über Sao Paulo nach Santiago de Chile auf die andere Seite Südamerikas bringen wird ...