Die Zeitverschiebung (zu
den sechs Westküstenstunden nun zwei weitere Stunden nach Westen) lässt mich
gegen 4 Uhr Ortszeit wach werden (in D ist ja längst Mittag), dann lese und
schreibe ich, bis ich gegen zehn Ortszeit hinunter in die große Wohnküche mit Kamin
und Terrasse gehe, um einen Kaffee zu trinken und mit Wolfgang bei
Käse-Omelette und Toast die deutsch-amerikanischen und Welt-Probleme seit dem
zweiten Weltkrieg diskutiere (insbesondere jedoch sein eigenes Schicksal: das
eines Kriegskindes, das weder in Deutschland noch in Amerika gewollt wurde und
es dennoch weit gebracht hat). Dann umrunde ich das Haus und entdeckte das
legendäre Pikes Peak in den Rockys, dessen schneebedeckten Gipfel man
eigentlich sogar vom Fenster meines Zimmers aus sehen kann.
Mittags holt mich
Teresa zu einem Lunch mit den Dichtern und Denkern der Uni in einem netten
französischen Restaurant, darunter eine ausgezeichnete Deutschstudenten, einige
Kunst-und Sprachdozentinnen, aber auch der österreichisch-amerikanische Chef
des Deutschdepartments oder der Theaterchef der Uni (der gerade die Premiere
eines Stückes namens „Psycho Beach“ vorbereitet). Wir essen und plaudern, ich
komme gar nicht dazu, wirklich alle Geladenen kennenzulernen, aber die Atmosphäre
ist heiter und aufgeschlossen.
Nach etwa zwei Stunden fährt mich Teresa ein
wenig zur Stadt hinaus und dann wird es richtig interessant, denn wir kommen zu
den Garden of the Gods, einer
atemberaubenden Felsenlandschaft aus rotem Sandstein und grauem Granit, die
einst ein heiliger Ort der hiesigen Indianer (sag nicht Indianer, sag american
natives!) war. Wir schlendern die Wege entlang, kommen von einer
erstaunlichen Aussicht zur nächsten und diskutieren die Frage, warum jeder von
diesen wunderbaren Felsen fasziniert sein muss, obwohl sie doch nicht nützlich
sind – woher kommt dieses allgemeine, unbestreitbare und unmittelbare
Empfinden, es hier mit etwas SCHÖNEM zu tun zu haben?
Zwischen den Felsen, auf
den trockenen Wiesen mit den sonnenresistenten, wachholderartigen Gehölzen
tummeln sich relativ zutraulich musikalische Elstern, leuchtend flinke Blue
Birds sowie zwei vorsichtige Hirschkühe. Die goldrote Sonne macht unsere
Schatten lang und lässt die trockene Luft sanft nach Kräutern riechen. Später
bewundere ich die schönen Holzhäuschen unter den Bäumen der Berghänge von Manitou Springs, einem kleinen alten
Kurort, der auch in einem europäischen Mittelgebirge liegen könnte.
Doch als
wir schließlich wieder im Auto durch die Stadt rollen, vorbei am alten Rathaus
von Colorado Springs und mitten durch die breitgezogene, flache Mitte dieser
geräumigen Stadt, wird mir klar, was mich an diesem Land bislang am meisten beeindruckt:
Nicht die abenteuerliche Geschichte, nicht die schönen Gebäude und auch nicht
die energetischen, zugewandten Leute, sondern die Landschaften. Die Landschaften
hier haben wirklich eine neue Dimension, und die Leute wissen sie zu schätzen
und sich in ihnen einzurichten. So zumindest sehe ich God’s own country in dem Moment, als ich aus den Gardens of Gods von Colorado Springs
heimkehre.
Am Abend fahren wir durch die hereinbrechende
Dämmerung, die die Lichter der Ebene vor dem majestätischen, dunklen Band der
Rocky Mountains unter dem dunkelblauen Himmel flimmern lässt. Teresa biegt
plötzlich in einen sandigen Seitenweg und im Schritttempo fahren wir auf einer
buckeligen Staubpiste durch lichtlose Steppenwildnis. Nach ein paar Minuten
erreichen wir einen unbeleuchteten Parkplatz und ich frage mich, wie hier
jemals irgendjemand hinfinden soll. Denn in wenigen Minuten soll ja mein poetry reading, die Lyriklesung
stattfinden, um die mich Teresa gebeten hat.
Hinter einigen Büschen tauchen
Lichter auf - die Heller Ranch, ein
kleines Anwesen, dass eine reiche Fabrikantenfamilie der hiesigen Uni vermacht
hat und das nun als Kulturzentrum genutzt wird.
Doch tatsächlich sind schon ein
paar Leute da, und neue treten aus dem Dunkel hinzu. Drinnen versammeln wir uns
alle in einem großen Raum um einen riesigen Tisch, die niedrige Decke besteht
aus wuchtigen Balken, an den Wänden hängen Gemälde mit orientalischen Szenen im
zuckersüßen Hollywoodstil (vom einstigen Besitzer Mr. Heller gemalt). Mit etwa
dreißig, fünfunddreißig Zuhörern (Studenten, Dozenten, local poets) ist der
Raum irgendwann komplett gefüllt und wir schalten den Screen ein, auf dem man
die Texte der Gedichte in beiden Sprachen mitlesen kann. Zunächst stelle ich
mich vor,dann lese ich mit
Erläuterungen etwa eine Stunde und anschließend werden Fragen beantwortet, ein
angenehmer Abend auf der Heller Ranch von Colorado Springs (der wie üblich noch
in längeren Diskussionen mit einzelnen Leuten mündet). Robert von Dassanowsky,
der deutsch-österreichische Leiter der hiesigen Deutschabteilung, liest die
englischen Fassungen und wie zu erwarten gibt es vor allem Szenenapplaus, als
wir schließlich das Gedicht „Malaria“ in beiden Sprachen gleichzeitig lesen.
Am Samstagmorgen lassen
wir den lokalen Farmer’s Market aus und gleiten nach einem ruhigen Frühstück mit Johns und Marcels silbergrauen Hundai durch das schöne Virginia hinunter
nach Charlottesville. Die Straßen sind zumeist dreispurig und es ist schwer
auszumachen, wo die Stadt endet, denn überall gibt es noch Shopping Centers,
Oulets oder Elementary Schools: Das all dies auf der grünen Wiese steht, scheint
kein Problem zu sein – hier muss sowieso jeder Auto (oder notfalls Bus) fahren.
Dann werden die Häuschen kleiner und hölzerner, überall zwischen den Wiesen und
Wäldchen wohnen Leute. Was noch viel erstaunlicher ist: Ringsum überall ist der
Rasen gemäht. Dies ist ein gut eingerichteter Planet: Ganz Virginia ist mit
schönem kurzen Grünrasen bedeckt! Auch am Wald. Keine Wiesenblume, keine
Grasrispe im Wind – dafür hier und da Grundstücksbesitzer auf ihren winzigen
Rasenmähertraktoren sowie ab und zu Pferde oder Kühe auf kleinen Anwesen mit
kleinen Holzhäuschen und großen Autos davor. (Obwohl: es fällt schon auf, dass
inzwischen sehr viele asiatische und etliche europäische Mittelklasse- und
Kleinwagen auf den Straßen der Ostküste unterwegs sind; auch Mercedes, VW und
sogar die kleinen Fiats Cinquecento sieht man öfters.) Wir fahren vorbei an
etlichen Battlefield Sites, wo
Ausflügler des amerikanischen Unabhängigkeits- ebenso wie des Bürgerkriegs gedenken und wo alljährlich mit großem Tamtam die legendären Schlachten heute von Hunderten
verkleideter Freiheitskämpfer nachgespielt werden – unter Anteilnahme
aller Geschichtsversessenen der gesamten Nation. Die Schlachtfelder sind heute nicht
viel mehr als grüne Wiesen auf Hügeln mit Gedenktafeln (und selbstverständlich weithin
gestutztem Rasen). Die Straße führt in freundlichen Kurven hinab in den
Südwesten, die Hügel und Wälder erinnern deutlich an Thüringen: Im Hintergrund
erheben sich (gleich dem Thüringer Wald) die bewaldeten Rücken der Blue Ridge Mountains, hinter denen man
hier und da auch das Tal des Shenandoa Rivers
erahnen kann (jaja genau: Dort beginnen die CountryRoads von West-Virginia…).
Der thüringische Eindruck verstärkt sich, als
wir uns nach anderthalb Stunden nahe Charlottesville demMonticello-Anwesen von Thomas Jefferson nähern. Wir stellen das
Auto ab und schauen uns im hölzernen Infocenter zunächst einen kurzen Film über
Jefferson an, von dem wir unter großer Musik in sanftgoldenen Bildern erfahren,
dass er es war, der die Gleichheit der Menschen und den „Pursuit of Happiness“
aus tiefster Überzeugung in den Entwurf der amerikanischen Verfassung
geschrieben hat – etwas, das durchaus hollywoodreife Bilder und große Musik
rechtfertigt. Und auch, wenn dieser Unabhängigkeitskämpfer und zweimalige
Präsident es selbst nicht geschafft hat, seine vielen Landsklaven (deren
stein- und namenloser Friedhof heute übrigens zwischen parkenden Wohnmobilen auf dem Touristenparkplatz
liegt) freizulassen, so hat er doch heimlich mit einer seiner Haussklavinnen
einige Kinder... Also wandern wir auf seinen Spuren unter großen amerikanischen
Eichen über einen Wanderpfad einen Berg hinauf, der uns vorbei an einem kleinen
umzäunten Wiesen-Friedhof auf eine Anhöhe führt. Vom Gemüsegarten (mit seiner
rötlichen Erde, den Kräutern, Artischocken- und Tomatenstauden)aus hat man einen herrlichen Blick über das
Land; Schautafeln und kleine Nebengebäude
erklären das Landleben auf dem Wohnsitz des einstigen US-Präsidenten. Umstanden
von weitausgreifenden, großen Bäumen liegt auf einer blumenumwachsenen Wiese
ein roter dreiflügeliger Wohnbau mit einer repräsentativen Kuppel, eine Art
Mini-Sanssouci im ländlich britischen Stil, mit Veranden, Pavillons und
Kübelpflanzen ergänzt, ein wirklich angenehmer Bau an einem wunderbaren Ort.
Wir umstreifen das Haus, lesen hier und da die Tafeln und schauen uns die
Arbeitsräume der Sklaven an (Kinder dürfen am Bastelstand Jefferson-Figuren
ausmalen) und würdigen Jeffersons vortreffliches Gespür für eine angenehme
Lebensführung. Wir schauen und genießen ohne viele Worte den heiteren Tag und
rascheln im rotgelben Laub des milde beginnenden Herbstes.
Im
Café müssen wir uns dann allerdings mit Sandwiches begnügen und Marcel wundert
sich, dass ich tatsächlich mein Root-Bier (eine lokaler Monticello-Softdrink
aus Wurzeln und Baumrinde, geschmacklich eine Art Hustensirup mit Kohlensäure)
austrinke, dabei ist es nichts als eine Kindervariante des bayerischen
Bärenblutschnapses… Später schlendern wir noch durch die Innenstadt von Charlottesville, wo es eine der
seltenen amerikanischen Fußgängerzonen gibt. Was auffällt: In den hiesigen Innenstädten
gibt es sehr viele Antikshops und Edel-Trödler, darunter auch sehr attraktive
Buchantiquariate. Marcel meint, die großen Ladenketten seinen hier absichtlich
für die Innenstädte verboten; und Antikläden u.ä. seinen besonders gut
geeignet, Leute in die Innenstädte zu locken, da man bei denen ja nie wüsste,
was sie anbieten – also kommen und stöbern muss. Wir haben jedenfalls
tatsächlich viel Vergnügen beim Stöbern. Gegen Abend fahren wir dann gemächlich
zurück Richtung Atlantik nach Fredericksburg und gehen dort in einem Diner
Abendessen, das „Mason Dickson“ heißt – nicht nach den Romanhelden von Thomas
Pynchon, sondern nach der Vermessungslinie, die die beiden nördlich von hier
einst festgelegt haben: Die dünne Linie, an der sich „der Norden“ und „der
Süden“ der USA trafen und treffen. (Auch deshalb wurde diese Gegend zum
historischen Grund – die beiden Parteien des amerikanischen Bürgerkriegs trafen
an dieser Linie aufeinander.)
Übrigens: So lange ich nur schaue, und nicht
jemand mit kaum verständlichem Akzent minutenlang in maschinengewehrartiger
Geschwindigkeit auf mich ein redet, fühle ich mich hier kein bisschen fremd.
Alles sieht aus, wie zuhause, selbst der Tinnef der Straßenhändler ist ungefähr
derselbe wie in Santiago, Manchester oder Yogyakarta. Das ist der
Virginia-Effekt: Immer wieder erscheint mir alles hier auf den ersten Blick
sehr vertraut; die Städtchen etwa wie eine Mischung aus englischer Provinz und
dem hügeligen Süden Ostdeutschlands - und auch die Natur, die Pflanzen, die
Tiere, muten scheinbar bekannt an. Erst wenn man die Details genauer betrachtet,
stellt man fest, dass hier vieles doch sehr anders aussieht, riecht, schmeckt, klingt
und funktioniert. Das ist also der amerikanische Trick, mit dem man arglos ins
Unbekannte gelockt wird.
Am nächsten Morgen frühstücken wir zeitig und
deftig (Johns Feta-Spinat-Omelette ist ein Gedicht) und fahren dann mit dem
Auto hinauf ins sonntäglich stille Washington: Die Männerbesuchen Johns Mutter
in der Nähe, aber vorher laden sie mich – nach einer geschungenen City-Highway-Ehrenrunde
um das Washington Memorial, das Pentagon, das Lincoln Memorial bis zum
Holocaustmuseum- am nationalen
Reagan-Airport ab, denn für mich ist es Zeit, in den Südwesten nach Colorado
weiterzuziehen. Es ist sonnig, aber windig und kühl… Im Flughafen geht alles
wortlos und rasch, nur ich falle auf, weil ich die allgemeinen Gepflogenheiten
nicht genau kenne (weil ich brav deutsch auf Anweisungen des Personals warte, die aber nicht kommen); aber alles wird gut und bald schon schlummere ich friedlich
in meinem Flugzeugsitz nach Houston, Texas. Dort habe ich nur eine halbe Stunde
Zeit, meinen Anschlussflug zu finden und zu erreichen, aber auch das ist kein
Problem, alles ist hier wohlgeordnet und, nun ja, idiotensicher organisiert und obwohl der
Flughafen riesig ist und ich mit einer Schienenbahn zwischen den Terminals
wechseln muss, läuft alles ganz entspannt – dies ist definitiv ein großes Land
und Binnenflüge sind offenbar kaum mehr etwas anderes als technisch erweiterte
Fernbusreisen.
Vor der Landung in Colorado Springs wird mir beim
Blick aus dem recht kleinen Flieger der Kontrast klar: Draußen dehnt sich eine
ausgedörrte braune Ebene, hier und da graue Häuserdächer und weiße Flecken wie
Salzpfannen. Breit und dunkel wie Graphit über dieser endlosen Weite dehnt sich
hinten eine mächtige Bergkette unter der Sonne über den gesamten Horizont: Die
Rocky Mountains ziehen herauf. Wir sind 2000 über dem Meeresspiegel, Land und
Luft sind klar und trocken wie Zunder. Oben
auf den Berggipfel kann man schon den Puderzucker des Schnees erkennen. Ehe ich mich noch
wundern kann, wie einfach der Flug doch insgesamt war, haben mich im
weitläufigen Flughafengebäude mit seinen tausend runden Buchten und Fluren
Teresa und Wolfgang entdeckt und begrüßten mich wie einen familiären Gast (das
tut in der Fremde doch recht gut). Mit dem Auto, ohne das man in dieser weitläufigen
Stadt (mehr als 40 Kilometer in der Breite, meint Teresa) verloren ist, fahren
wir hinüber zu ihrem Haus, das sich neben einer Hauptstraße wie ein Cottage
hinter ein paar Bäumen versteckt, auf denen graue Squirrels ihr Unwesen treiben. Hier ist alles horizontal und weit,
als hätte jemand mit dem Photoshop-Cursor die gesamte Realität in die Breite
gezogen! Auch in Wolfgang und Teresas Haus ist sehr viel Platz (ca. 600 qm für
zwei), es gibt eine lichtdurchflutete amerikanische Küche mit riesigem Kamin,
einen Partykeller mit Schach, Billard und sportlichen Foltergeräten, und in der oberen Etage bekomme
ich ein geräumiges Zimmer mit Bad und eigener Kleiderkammer. Später fahren wir
Downtown zu „Poor Richard“, um in seinem gemütlichen Café mit angeschlossenem Buchantiquariat (mit Extraregal "local poets", wow) etwas zu trinken und
Pizza zu essen, für die man sich die Belagzutaten einzeln und für jedes
der gigantischen Sechstel anders zusammenstellen kann. Es gibt viel zu erzählen und zu
diskutieren: Anders als die „typischen“ Amerikaner brennen Teresa und vor allem
Wolfgang darauf mit mir über Politik, Geschichte und Kultur zu debattieren –
all die Themen, die man hier normaler Weise eher erst dann offen anspricht, wenn man
sich sehr gut kennt und vertraut. Ich erfahre,
dass mein Programm an der University of Colorado morgen mit zwei interessanten Terminen beginnt: Mittags ein Arbeits-Lunch
mit einigen versammelten Dichtern, Denkern und Professoren der Stadt, die derzeit
versuchen, hier ein European Studies
Departement zu etablieren und abends dann ein Poetry Reading mit Dozenten und
Studenten – in einer alten Farm hinter dem Universität-Campus, auf der es auch
Klapperschlangen gibt.
Gut - dass bei der Landung in Kopenhagen die Maschine wegen
plötzlicher Seitenwinde noch einmal durchstarten musste, obwohl die Räder den
Boden der Landebahn bereits berührt hatten, war ein kleiner Schreck, aber wir
folgen den Flughafen einfach noch einmal von der anderen Seite her an und dann
klappte es. Auch dass ich den großen Transatlantik-Airbus nach Washington nach
dem Einsteigen noch einmal verlassen musste, weil ich meinen Herbstmantel
einsam und allein im Warteraum zurückgelassen hatte, war kein großes Problem.
Und dem nächtlichen Streik der Lokführer, der den Berliner S-Bahnverkehr
lahmgelegt hatte, begegnete ich zu Beginn der Reise einfach, in dem ich mir
eine Stunde länger Zeit für die Anfahrt auf Tegel genommen hatte, was auch
tadellos funktionierte... Schon in Berlin war ich wie immer noch vor dem
Abheben in einen tiefen Schlaf gefallen: Irgendwie hat mein Körper in den
letzten Jahren den Reflex herausgebildet, in ein erholsames Reisekoma zu
verfallen, sobald er einen Flugzeugsitz berührt. (Ein Überbleibsel der vielen
Fliegerei in Indonesien, wo der Körper lernte, sich sofort Schlaf zu holen,
wann immer Zeit und Ruhe dafür blieb.) Nach der üblichen Bordverpflegung geriet
ich also kurz hinter Schottland ins Traumland und wachte erst über Montreal
wieder auf. Die Landung in Washington Dulles verlief unspektakulär, die Hügel
um die Stadt leuchteten zwischen den Wolken in den gleichen Farben wie die
Wälder um Berlin. Dann allerdings stand ich mehr als zwei Stunden in der
dichtgedrängten multikulturellen Warteschlage für Einreisende ohne
amerikanischen Pass, was am Ende eines mehr als zehnstündigen Fluges nicht ganz
angenehm war. Man ließ mich ins Land, obwohl ich im Gegensatz zu den anderen
meine ESTA-Anmeldung nicht ausgedruckt hatte. Gegen drei gelandet (was mein
Körper sofort als geltenden Nachmittag
akzeptierte), konnte ich gegen halb sechs endlich in den roten
Nissan-Pathfinder von Tony Mendoza steigen, der mich (im Auftrag der University of Mary Washington) (unter
vielfachem Abspielen von ihm geliebter Saxophonsongs von seinem I-Pod) in
weniger als zwei Stunden durch den zähfließenden Feierabendverkehr auf
Virginias Highways Richtung Süden nach Fredericksburg bugsierte. (Es fühlte
sich nicht viel anders an als eine Fahrt auf dem Berliner Ring.)
Das Häuschen von Marcel und John liegt in einer stillen Seitenstraße
unter großen Bäumen. Weiß gestrichen, mit wunderbaren Schnitzereien verziert
und von allerlei bestens gedeihenden Pflanzen umgeben, erscheint es mit seinen
kleinen Zimmern voller geschmackvoller Möbel und dem kleinen Garten als
Inkarnation angenehmer Geborgenheit. (Die weißen Korbsessel auf der kleinen
Frontveranda haben selbstverständlich dezente Schaukelkufen.) Ich werde schon
erwartet und bekomme in der Abenddämmerung neben Cider im Garten undeiner köstlichen Herbstsuppe in der Küche
auch das gemütliche Arbeitszimmer unterm Dach - und bin angekommen in Amerika.
Am nächsten Morgen führt mich John ein paar
Schritte die Straße hinunter, wo zwischen Bäumen und fetten Uferwiesen
gemächlich die braunen Wasser des Rappahannock Rivers entlangströmen (the mighty Rappahannock, wie John immerfort
ergänzt). Über eine Brücke gelangen wir auf die Hügel der anderen Seite, wo in
der goldroten Sonne des Indian Summer (wir sind ja auf uraltem Indianerland)
die roten Backsteinhäuser von Chatham Manor liegen – einem legendären Ort vor
allem während des amerikanischen Bürgerkriegs, von dem aus man die ganze Stadt
Fredericksburg mit ihren Türmchen und Giebeln friedlich vor sich ausgebreitet
überschauen kann. Die Wohnhütten der einstigen Farmsklaven stehen nicht mehr
(weil sie eben nicht aus Backstein, sondern nur als Holz waren), aber
Schautafeln erinnern daran. Der eifrige house
guide in seiner Nationalpark-Uniform erklärt uns, dass Washington, Madison
und Jefferson hier aus und eingegangen seien und dieses kleine Anwesen während
der großen Schlachten des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges ein legendäres Notlazarett gewesen sei. Auch
der Bruder des Dichters Walt Whitman sei hier verwundet worden, und als dieser
schließlich kam und ihn besuchte, berichtete er später von Hunderten improvisierter
Amputation, nach denen man die abgeschnittenen Glieder der Verwundeten aus
Zeitmangel einfach aus dem Fenster geworfen und draußen unter den Bäumen zu
einem Kegel aufgeschichtet habe...
Fredericksburg in Virginia ist also
eine kleine Stadt mit großer Vergangenheit, einer der wenigen Orte in den USA,
in denen man auf Schritt und Tritt Vergangenheit entdecken und der Geschichte
begegnen kann. (Mich erinnert es ein wenig an Weimar – auch so einer kleinen
Stadt mit großer Vergangenheit, die man heute mit viel Hingabe und großem
nostalgischem Selbstbewusstsein pflegt. Allerdings ist Fredericksburg etwas
luftiger und weniger eng, man spürt schon deutlich den Süden und ein wenig auch
den Atlantik, der – wenn auch schwer erreichbar – nur etwa 50 Meilen Luftlinie
entfernt ist.) Hier landeten einst die ersten britischen Siedler
dieser Gegend und eroberten das Land. Das erklärt uns ausführlich und mit
großem Enthusiasmus der schneidigeJack
Edlund, der das uralte steinerne Lagerhaus an der Rappahannockbrücke von der
Stadt übernommen hat, und als privater Archäologe dessen vier Stockwerke (von
denen nur noch das oberste auf Straßenniveau herausschaut) nun Schicht für
Schicht aus den Schlammschichten des Flusses gräbt, und dabei Unmengen an
Kanonenkugel, Münzen, Degen, Bajonetten aber auch Pfeilspitzen und Keramik
zutage fördert, die er in staubigen Vitrinen seines schummerig beleuchteten
Steinhauses stolz präsentiert.
Wir essen als ortsüblichen
Mittagsimbiss in einer kleinen Eatery in der verträumte Haupteinkaufstraße (die
neben der üblichen patriotischen Deko übrigens auch mit etlichen deutschen
Fahnen geschmückt ist – kürzlich war eine Delegation der deutschen Botschaft in
der Stadt) warme Sandwiches (ich einen John Monroe, John den legendären Reuben)
mit Essigchips und dazu Pflaumenlimo und schlendern weiter durch die
beschaulichen Straßen mit den großen Bäumen und den großzügig angelegten
Häuschen und Villen, von denen keines höher als zwei Stockwerke ist.
Schließlich erreichen wir das großzügige Gelände der University of Mary Washington (UMW), wo zwischen großen Bäumen und
gut gepflegten Wiesen zahlreiche rote Backsteingebäude um einen hohen
Märchenturm mit goldener Kuppel verstreut liegen. Auch hier herrscht eine
unaufgeregte, ruhige Atmosphäre mit ein wenig ländlich-britischem Flair und
einem Hauch Süden. Ich bespreche in Marcels Büro mit Nathan, einem freundlichen
Deutschstudenten mit ehrgeizigen Business-Ambitionen für Deutschland, die
Übersetzungen meiner Lesetexte; dann laufen wir hinüber zu Marcel, der mit
seinen Studenten auf einer der Campus-Wiesen - tja nun - die Berliner Mauer
wiedererrichtet. Junge Amerikaner sprühen fröhlich deutsche Sprüche auf weiße
Styroporplatten und fügen sie dann unter Anleitung eines projektführenden
Kunststudenten im milden Abendlicht der Sonne von Virginia zu einer Mauer
zusammen, die beim anschließenden Fotoshooting mit Angela Merkel (als Pappfigur
bereitgestellt von der deutschen Botschaft) tatsächlich eine Art East-Side-Gallery-Gefühl erzeugt. Am 6.
November soll diese Mauer dann in einer öffentlichen Aktion feierlich
eingerissen werden - am 9. November hat man wegen Wochenendes leider keine Zeit
dafür.
In einer Bewegtbild Web-Serial werden sechs „Revolutionäre“ aus der
Zeit 89-90 und ihre mittlerweile volljährigen Kinder porträtiert. Es
geht um die Zeit der Friedlichen Revolution von 1989, aber vor allem um die 25 Jahre danach
und die Weitergabe von Geschichten und Geschichte... u.a. mit Marion Brasch und Tochter Lena, Martin Jankowski und Tochter Rahel... DIE REVOLUTION UND IHRE KINDER.