Mr Keith Warner lehrt Soziologie an
der Uni von Colorado Springs und lud mich ein, in seinem Seminar über
"große soziale Umbrüche" von 1989 zu erzählen (und wie es uns Ossis
damit erging). Teresa musste mich aus dem Seminar holen, denn es war Zeit für
eine Verabredung mit ein paar netten Leuten in einem europäischen Restaurent
mit hervorragendem Essen. Die Lesung am gleichen Abend auf dem Campus fand vor
zweisprachigem Publikum statt und auch wenn das Publikum den Hörsaal nur locker
füllte, war es doch das erste Mal, dass ich danach standing ovations
erlebte. Die Herzlichkeit und aufmerksame Zugewandtheit der Anwesenden
überraschte mich durchaus.Danach gingen wir bald zu Bett, denn am nächsten Morgen brachte mich
Teresa schon gegen sechs zum Flughafen. Im üblichen Reisekoma gelangte ich mit
einem geruhsamen Lokalflug nach Chicago, wo ich eine Stunde Zeit zum Umsteigen
hatte und rasch einen amerikanischen Lunch "hatte" (d.h. ein dickes Beef-Sandwich und
große Cola mit gaanz viel Eis). Eigentlich dachte ich von Chicago gar nichts sehen zu können, aber beim
Take off flogen wir bei bestem Wetter in weitem Bogen über die Stadt und ich
sah unter mir eine angenehm wimmelnde Skyline auftauchen, deren
Wolkenkratzer in einem Distrikt am Ufer des großen blauen Sees (Lake Michigan) kulminierten
und irgendwie einen heiteren und einladenden Eindruck machten. (Leider war die Kamera
in diesem Moment unerreichbar verstaut.) Dann waren wir auch schon über dem riesiegen
See und ich sah weit unter mir kleine Herden von Schönwetterwölckchen dicht über
den See hasten und dabei kleine Schatten auf die gekräuselte Oberfläche des Wassers
werfen: Sie hatten es offenbar eilig, dort unten in Hunderten Grüppchen irgendwo
hinzukommen (vielleicht zu einer großen Wolkenversammlung?), während ich in
meinem proppevollen Lokalflieger weit oben gemütlich Richtung Washington brummte.
Als ich beim Anflug auf Washington erwachte, prasselte feinster Nieselregen gegen
die Fenster und wir schwebten bereits in einer dichten weißen Wolkensuppe.
Ruckzuck bekam ich jedoch (wie bei allen amerikanischen Inlandflügen) meinen Koffer
direkt aus dem Bauch der Maschine direkt in den Gangway gereicht und suchte mir vor
dem National Airport ein Taxi, mit dem mich ein schweigsamer riesiger Schwarzer
(dessen Kopf beinahe am Autodach rieb) im Berufsverkehr durch die grünen
Waldhügel rund um die Innenstadt hinauf nach Silver Springs brachte, wobei er
unentwegt nervös auf seinem lederumspannten Lenkrad trommelte, als sei es ein
Satz karibischer Congas. Nach dem Einchecken konnte ich feststellen, dass ein
hartnäckiges Gerücht über die amerikanischen Hotels tatsächlich stimmt: Es gibt
hier keinen 13. Stock! Mein Zimmer lag im 16. (Also 15.) Tja.
Bald schon holte mich Katharina Rudolf ab und
brachte mich bei Nieselwetter zur Catholic University of America,
die mich eingeladen hatte und wo abends ein Forumsgespräch zum Thema Mauerfall
stattfand. Auf dem Campus befindet sich deutlich sichtbar auch die größte katholische Kirche der USA (The National Shrine!),
ein historistischer Bau, der auf interessante Weise Merkmale der Ost- wie der
Westkirche in sich vereint, gewissermaßen ein byzantinisches Rom mit der romantischen
Klarheit des späten amerikanischen 19. Jahrhunderts imaginierend. (Im ästhetischen Ansatz der pseudoauthentischen Märchenarchtitektur der Berliner Neuen Synagoge aus derselben Zeit nicht ganz unähnlich.) Im Foyer des
Vorlesungsgebäudes gab es an diesem Abend deutsche Gadgets und Imbisshappen; etliche Studenten
sowie eine Expertengruppe der deutschen Botschaft trafen ein und wir machten
uns bekannt, ehe für über zwei Stunden sehr emotional und kontrovers zum Thema
deutsche „Wende“ und die Folgen diskutiert wurde. Später versackten wir deutschen Gäste und die amerikanischen
Experten noch in einem Restaurant um die Ecke.
Nachdem wir am nächsten Morgen meine
Formalitäten auf dem Campus geregelt hatten, fuhr mich Katharina mit ihrem
Auto kreuz und quer durch „D.C.“, um mir einen ersten Eindruck von der
Hauptstadt zu verschaffen. In der Tat trägt die Politik des Raumes in WashingtonsInnenstadt neorömische Züge – kilometerweite
Grünanlagen durchziehen zwischen zwei schnurgeraden Prachtavenues das Gelände, auf denen unter einem hohen Himmel
weiträumig verstreut große Prachtbauten mit riesigen Treppenaufgängen und
gigantischen Säulen aus strahlen weißen Steinen die Menschlein wie Orientierung
suchende Ameisen aussehen lassen... zum Glück sind Macht und Größe von viel Grün und Wasser durchzogen, das macht es natürlicher und lässt die Füße in dieser Weite angenehm irdisch schmerzen.
.
Das Weiße Haus im repräsentativen Herzen der Stadt war weiträumig abgesperrt (am Vortag hatte wieder
einmal ein Verrückter den Zaun überklettert und wollte zu Obama ins Oval Office
vordringen), auf den Wiesen am Washington Monument trainierte ein American FootballTeam und am Lincoln Memorial
konnte ich in der staunenden Menge neben Russisch und Mandarin auch
die sächsische Mundart heraushören. Die vielen beeindruckend großen Museen der Smithsonian Stiftung ringsum jedoch wollte ich mir (trotz freiem Eintritt) für ereignisärmere Tage aufheben.
Vor allem thronte breit und erhaben das Capitol - allerdings mit unfeierlich eingerüsteter Kuppel, was dem Ganzen einen Hauch vom Berliner Endlos-Baustellen-Charme verlieh. (Überhaupt erschien mir Washingtons Atmosphäre in gewisser Weise der von Berlin zu gleichen - alles recht nüchtern, massentauglich, offiziell; nur eben zwei, drei Nummern größer... ) Später sahen wir uns noch die legendäreM street(und den Campus der Georgetown University)in einem höher gelegenen Stadtteil an, dessen kleine Häuser und Einkaufstraßen einen bedeutend menschenfreundlicheren Eindruck machten, und gingen am Dupont Circle in einem eher stadteinwärts gelegenen Ausgehviertel essen. .
Meine
Lesung in einem Hörsaal der modernen Fremdsprachen der CUA lief ähnlich
wie in Colorado: Zuerst sahen wir den kurzen Film der BBC über meine Erfahrungen am 9. Oktober 1989 (siehe hier), dann las ich einige der eigens
übersetzten Passagen aus „Rabet“; allerdings hatten die Studenten in Washington tatsächlich
schon fast den ganzen Roman auf Deutsch (!) gelesen und sich mit den politischen
und sprachlichen Hintergründen des Textes befasst, sodass eine fast schon familiäre
Atmosphäre entstand. (Im Raum hing zu meiner Überraschung übrigens eine
Deutschlandkarte aus dem Jahr 1995 von Justus Perthes Gotha.) Gemeinsam mit Katharina Rudolf brachte mich die
norddeutsch-handfeste Fakultätsdekanin Claudia Bornhold anschließend erfreulicherweise noch nach Mount Pleasant (dessen kleinteiligere und multikulturellere Amtosphäre mir Washington
schlagartig um einiges sympathischer werden ließ), wo wir im gemütlichen MARX Café (sic) noch ein revolutionäres Abendessen genossen und uns aufs Angenehmste unsere
Geschichten erzählten...
Die Zeitverschiebung (zu
den sechs Westküstenstunden nun zwei weitere Stunden nach Westen) lässt mich
gegen 4 Uhr Ortszeit wach werden (in D ist ja längst Mittag), dann lese und
schreibe ich, bis ich gegen zehn Ortszeit hinunter in die große Wohnküche mit Kamin
und Terrasse gehe, um einen Kaffee zu trinken und mit Wolfgang bei
Käse-Omelette und Toast die deutsch-amerikanischen und Welt-Probleme seit dem
zweiten Weltkrieg diskutiere (insbesondere jedoch sein eigenes Schicksal: das
eines Kriegskindes, das weder in Deutschland noch in Amerika gewollt wurde und
es dennoch weit gebracht hat). Dann umrunde ich das Haus und entdeckte das
legendäre Pikes Peak in den Rockys, dessen schneebedeckten Gipfel man
eigentlich sogar vom Fenster meines Zimmers aus sehen kann.
Mittags holt mich
Teresa zu einem Lunch mit den Dichtern und Denkern der Uni in einem netten
französischen Restaurant, darunter eine ausgezeichnete Deutschstudenten, einige
Kunst-und Sprachdozentinnen, aber auch der österreichisch-amerikanische Chef
des Deutschdepartments oder der Theaterchef der Uni (der gerade die Premiere
eines Stückes namens „Psycho Beach“ vorbereitet). Wir essen und plaudern, ich
komme gar nicht dazu, wirklich alle Geladenen kennenzulernen, aber die Atmosphäre
ist heiter und aufgeschlossen.
Nach etwa zwei Stunden fährt mich Teresa ein
wenig zur Stadt hinaus und dann wird es richtig interessant, denn wir kommen zu
den Garden of the Gods, einer
atemberaubenden Felsenlandschaft aus rotem Sandstein und grauem Granit, die
einst ein heiliger Ort der hiesigen Indianer (sag nicht Indianer, sag american
natives!) war. Wir schlendern die Wege entlang, kommen von einer
erstaunlichen Aussicht zur nächsten und diskutieren die Frage, warum jeder von
diesen wunderbaren Felsen fasziniert sein muss, obwohl sie doch nicht nützlich
sind – woher kommt dieses allgemeine, unbestreitbare und unmittelbare
Empfinden, es hier mit etwas SCHÖNEM zu tun zu haben?
Zwischen den Felsen, auf
den trockenen Wiesen mit den sonnenresistenten, wachholderartigen Gehölzen
tummeln sich relativ zutraulich musikalische Elstern, leuchtend flinke Blue
Birds sowie zwei vorsichtige Hirschkühe. Die goldrote Sonne macht unsere
Schatten lang und lässt die trockene Luft sanft nach Kräutern riechen. Später
bewundere ich die schönen Holzhäuschen unter den Bäumen der Berghänge von Manitou Springs, einem kleinen alten
Kurort, der auch in einem europäischen Mittelgebirge liegen könnte.
Doch als
wir schließlich wieder im Auto durch die Stadt rollen, vorbei am alten Rathaus
von Colorado Springs und mitten durch die breitgezogene, flache Mitte dieser
geräumigen Stadt, wird mir klar, was mich an diesem Land bislang am meisten beeindruckt:
Nicht die abenteuerliche Geschichte, nicht die schönen Gebäude und auch nicht
die energetischen, zugewandten Leute, sondern die Landschaften. Die Landschaften
hier haben wirklich eine neue Dimension, und die Leute wissen sie zu schätzen
und sich in ihnen einzurichten. So zumindest sehe ich God’s own country in dem Moment, als ich aus den Gardens of Gods von Colorado Springs
heimkehre.
Am Abend fahren wir durch die hereinbrechende
Dämmerung, die die Lichter der Ebene vor dem majestätischen, dunklen Band der
Rocky Mountains unter dem dunkelblauen Himmel flimmern lässt. Teresa biegt
plötzlich in einen sandigen Seitenweg und im Schritttempo fahren wir auf einer
buckeligen Staubpiste durch lichtlose Steppenwildnis. Nach ein paar Minuten
erreichen wir einen unbeleuchteten Parkplatz und ich frage mich, wie hier
jemals irgendjemand hinfinden soll. Denn in wenigen Minuten soll ja mein poetry reading, die Lyriklesung
stattfinden, um die mich Teresa gebeten hat.
Hinter einigen Büschen tauchen
Lichter auf - die Heller Ranch, ein
kleines Anwesen, dass eine reiche Fabrikantenfamilie der hiesigen Uni vermacht
hat und das nun als Kulturzentrum genutzt wird.
Doch tatsächlich sind schon ein
paar Leute da, und neue treten aus dem Dunkel hinzu. Drinnen versammeln wir uns
alle in einem großen Raum um einen riesigen Tisch, die niedrige Decke besteht
aus wuchtigen Balken, an den Wänden hängen Gemälde mit orientalischen Szenen im
zuckersüßen Hollywoodstil (vom einstigen Besitzer Mr. Heller gemalt). Mit etwa
dreißig, fünfunddreißig Zuhörern (Studenten, Dozenten, local poets) ist der
Raum irgendwann komplett gefüllt und wir schalten den Screen ein, auf dem man
die Texte der Gedichte in beiden Sprachen mitlesen kann. Zunächst stelle ich
mich vor,dann lese ich mit
Erläuterungen etwa eine Stunde und anschließend werden Fragen beantwortet, ein
angenehmer Abend auf der Heller Ranch von Colorado Springs (der wie üblich noch
in längeren Diskussionen mit einzelnen Leuten mündet). Robert von Dassanowsky,
der deutsch-österreichische Leiter der hiesigen Deutschabteilung, liest die
englischen Fassungen und wie zu erwarten gibt es vor allem Szenenapplaus, als
wir schließlich das Gedicht „Malaria“ in beiden Sprachen gleichzeitig lesen.
Am Samstagmorgen lassen
wir den lokalen Farmer’s Market aus und gleiten nach einem ruhigen Frühstück mit Johns und Marcels silbergrauen Hundai durch das schöne Virginia hinunter
nach Charlottesville. Die Straßen sind zumeist dreispurig und es ist schwer
auszumachen, wo die Stadt endet, denn überall gibt es noch Shopping Centers,
Oulets oder Elementary Schools: Das all dies auf der grünen Wiese steht, scheint
kein Problem zu sein – hier muss sowieso jeder Auto (oder notfalls Bus) fahren.
Dann werden die Häuschen kleiner und hölzerner, überall zwischen den Wiesen und
Wäldchen wohnen Leute. Was noch viel erstaunlicher ist: Ringsum überall ist der
Rasen gemäht. Dies ist ein gut eingerichteter Planet: Ganz Virginia ist mit
schönem kurzen Grünrasen bedeckt! Auch am Wald. Keine Wiesenblume, keine
Grasrispe im Wind – dafür hier und da Grundstücksbesitzer auf ihren winzigen
Rasenmähertraktoren sowie ab und zu Pferde oder Kühe auf kleinen Anwesen mit
kleinen Holzhäuschen und großen Autos davor. (Obwohl: es fällt schon auf, dass
inzwischen sehr viele asiatische und etliche europäische Mittelklasse- und
Kleinwagen auf den Straßen der Ostküste unterwegs sind; auch Mercedes, VW und
sogar die kleinen Fiats Cinquecento sieht man öfters.) Wir fahren vorbei an
etlichen Battlefield Sites, wo
Ausflügler des amerikanischen Unabhängigkeits- ebenso wie des Bürgerkriegs gedenken und wo alljährlich mit großem Tamtam die legendären Schlachten heute von Hunderten
verkleideter Freiheitskämpfer nachgespielt werden – unter Anteilnahme
aller Geschichtsversessenen der gesamten Nation. Die Schlachtfelder sind heute nicht
viel mehr als grüne Wiesen auf Hügeln mit Gedenktafeln (und selbstverständlich weithin
gestutztem Rasen). Die Straße führt in freundlichen Kurven hinab in den
Südwesten, die Hügel und Wälder erinnern deutlich an Thüringen: Im Hintergrund
erheben sich (gleich dem Thüringer Wald) die bewaldeten Rücken der Blue Ridge Mountains, hinter denen man
hier und da auch das Tal des Shenandoa Rivers
erahnen kann (jaja genau: Dort beginnen die CountryRoads von West-Virginia…).
Der thüringische Eindruck verstärkt sich, als
wir uns nach anderthalb Stunden nahe Charlottesville demMonticello-Anwesen von Thomas Jefferson nähern. Wir stellen das
Auto ab und schauen uns im hölzernen Infocenter zunächst einen kurzen Film über
Jefferson an, von dem wir unter großer Musik in sanftgoldenen Bildern erfahren,
dass er es war, der die Gleichheit der Menschen und den „Pursuit of Happiness“
aus tiefster Überzeugung in den Entwurf der amerikanischen Verfassung
geschrieben hat – etwas, das durchaus hollywoodreife Bilder und große Musik
rechtfertigt. Und auch, wenn dieser Unabhängigkeitskämpfer und zweimalige
Präsident es selbst nicht geschafft hat, seine vielen Landsklaven (deren
stein- und namenloser Friedhof heute übrigens zwischen parkenden Wohnmobilen auf dem Touristenparkplatz
liegt) freizulassen, so hat er doch heimlich mit einer seiner Haussklavinnen
einige Kinder... Also wandern wir auf seinen Spuren unter großen amerikanischen
Eichen über einen Wanderpfad einen Berg hinauf, der uns vorbei an einem kleinen
umzäunten Wiesen-Friedhof auf eine Anhöhe führt. Vom Gemüsegarten (mit seiner
rötlichen Erde, den Kräutern, Artischocken- und Tomatenstauden)aus hat man einen herrlichen Blick über das
Land; Schautafeln und kleine Nebengebäude
erklären das Landleben auf dem Wohnsitz des einstigen US-Präsidenten. Umstanden
von weitausgreifenden, großen Bäumen liegt auf einer blumenumwachsenen Wiese
ein roter dreiflügeliger Wohnbau mit einer repräsentativen Kuppel, eine Art
Mini-Sanssouci im ländlich britischen Stil, mit Veranden, Pavillons und
Kübelpflanzen ergänzt, ein wirklich angenehmer Bau an einem wunderbaren Ort.
Wir umstreifen das Haus, lesen hier und da die Tafeln und schauen uns die
Arbeitsräume der Sklaven an (Kinder dürfen am Bastelstand Jefferson-Figuren
ausmalen) und würdigen Jeffersons vortreffliches Gespür für eine angenehme
Lebensführung. Wir schauen und genießen ohne viele Worte den heiteren Tag und
rascheln im rotgelben Laub des milde beginnenden Herbstes.
Im
Café müssen wir uns dann allerdings mit Sandwiches begnügen und Marcel wundert
sich, dass ich tatsächlich mein Root-Bier (eine lokaler Monticello-Softdrink
aus Wurzeln und Baumrinde, geschmacklich eine Art Hustensirup mit Kohlensäure)
austrinke, dabei ist es nichts als eine Kindervariante des bayerischen
Bärenblutschnapses… Später schlendern wir noch durch die Innenstadt von Charlottesville, wo es eine der
seltenen amerikanischen Fußgängerzonen gibt. Was auffällt: In den hiesigen Innenstädten
gibt es sehr viele Antikshops und Edel-Trödler, darunter auch sehr attraktive
Buchantiquariate. Marcel meint, die großen Ladenketten seinen hier absichtlich
für die Innenstädte verboten; und Antikläden u.ä. seinen besonders gut
geeignet, Leute in die Innenstädte zu locken, da man bei denen ja nie wüsste,
was sie anbieten – also kommen und stöbern muss. Wir haben jedenfalls
tatsächlich viel Vergnügen beim Stöbern. Gegen Abend fahren wir dann gemächlich
zurück Richtung Atlantik nach Fredericksburg und gehen dort in einem Diner
Abendessen, das „Mason Dickson“ heißt – nicht nach den Romanhelden von Thomas
Pynchon, sondern nach der Vermessungslinie, die die beiden nördlich von hier
einst festgelegt haben: Die dünne Linie, an der sich „der Norden“ und „der
Süden“ der USA trafen und treffen. (Auch deshalb wurde diese Gegend zum
historischen Grund – die beiden Parteien des amerikanischen Bürgerkriegs trafen
an dieser Linie aufeinander.)
Übrigens: So lange ich nur schaue, und nicht
jemand mit kaum verständlichem Akzent minutenlang in maschinengewehrartiger
Geschwindigkeit auf mich ein redet, fühle ich mich hier kein bisschen fremd.
Alles sieht aus, wie zuhause, selbst der Tinnef der Straßenhändler ist ungefähr
derselbe wie in Santiago, Manchester oder Yogyakarta. Das ist der
Virginia-Effekt: Immer wieder erscheint mir alles hier auf den ersten Blick
sehr vertraut; die Städtchen etwa wie eine Mischung aus englischer Provinz und
dem hügeligen Süden Ostdeutschlands - und auch die Natur, die Pflanzen, die
Tiere, muten scheinbar bekannt an. Erst wenn man die Details genauer betrachtet,
stellt man fest, dass hier vieles doch sehr anders aussieht, riecht, schmeckt, klingt
und funktioniert. Das ist also der amerikanische Trick, mit dem man arglos ins
Unbekannte gelockt wird.
Am nächsten Morgen frühstücken wir zeitig und
deftig (Johns Feta-Spinat-Omelette ist ein Gedicht) und fahren dann mit dem
Auto hinauf ins sonntäglich stille Washington: Die Männerbesuchen Johns Mutter
in der Nähe, aber vorher laden sie mich – nach einer geschungenen City-Highway-Ehrenrunde
um das Washington Memorial, das Pentagon, das Lincoln Memorial bis zum
Holocaustmuseum- am nationalen
Reagan-Airport ab, denn für mich ist es Zeit, in den Südwesten nach Colorado
weiterzuziehen. Es ist sonnig, aber windig und kühl… Im Flughafen geht alles
wortlos und rasch, nur ich falle auf, weil ich die allgemeinen Gepflogenheiten
nicht genau kenne (weil ich brav deutsch auf Anweisungen des Personals warte, die aber nicht kommen); aber alles wird gut und bald schon schlummere ich friedlich
in meinem Flugzeugsitz nach Houston, Texas. Dort habe ich nur eine halbe Stunde
Zeit, meinen Anschlussflug zu finden und zu erreichen, aber auch das ist kein
Problem, alles ist hier wohlgeordnet und, nun ja, idiotensicher organisiert und obwohl der
Flughafen riesig ist und ich mit einer Schienenbahn zwischen den Terminals
wechseln muss, läuft alles ganz entspannt – dies ist definitiv ein großes Land
und Binnenflüge sind offenbar kaum mehr etwas anderes als technisch erweiterte
Fernbusreisen.
Vor der Landung in Colorado Springs wird mir beim
Blick aus dem recht kleinen Flieger der Kontrast klar: Draußen dehnt sich eine
ausgedörrte braune Ebene, hier und da graue Häuserdächer und weiße Flecken wie
Salzpfannen. Breit und dunkel wie Graphit über dieser endlosen Weite dehnt sich
hinten eine mächtige Bergkette unter der Sonne über den gesamten Horizont: Die
Rocky Mountains ziehen herauf. Wir sind 2000 über dem Meeresspiegel, Land und
Luft sind klar und trocken wie Zunder. Oben
auf den Berggipfel kann man schon den Puderzucker des Schnees erkennen. Ehe ich mich noch
wundern kann, wie einfach der Flug doch insgesamt war, haben mich im
weitläufigen Flughafengebäude mit seinen tausend runden Buchten und Fluren
Teresa und Wolfgang entdeckt und begrüßten mich wie einen familiären Gast (das
tut in der Fremde doch recht gut). Mit dem Auto, ohne das man in dieser weitläufigen
Stadt (mehr als 40 Kilometer in der Breite, meint Teresa) verloren ist, fahren
wir hinüber zu ihrem Haus, das sich neben einer Hauptstraße wie ein Cottage
hinter ein paar Bäumen versteckt, auf denen graue Squirrels ihr Unwesen treiben. Hier ist alles horizontal und weit,
als hätte jemand mit dem Photoshop-Cursor die gesamte Realität in die Breite
gezogen! Auch in Wolfgang und Teresas Haus ist sehr viel Platz (ca. 600 qm für
zwei), es gibt eine lichtdurchflutete amerikanische Küche mit riesigem Kamin,
einen Partykeller mit Schach, Billard und sportlichen Foltergeräten, und in der oberen Etage bekomme
ich ein geräumiges Zimmer mit Bad und eigener Kleiderkammer. Später fahren wir
Downtown zu „Poor Richard“, um in seinem gemütlichen Café mit angeschlossenem Buchantiquariat (mit Extraregal "local poets", wow) etwas zu trinken und
Pizza zu essen, für die man sich die Belagzutaten einzeln und für jedes
der gigantischen Sechstel anders zusammenstellen kann. Es gibt viel zu erzählen und zu
diskutieren: Anders als die „typischen“ Amerikaner brennen Teresa und vor allem
Wolfgang darauf mit mir über Politik, Geschichte und Kultur zu debattieren –
all die Themen, die man hier normaler Weise eher erst dann offen anspricht, wenn man
sich sehr gut kennt und vertraut. Ich erfahre,
dass mein Programm an der University of Colorado morgen mit zwei interessanten Terminen beginnt: Mittags ein Arbeits-Lunch
mit einigen versammelten Dichtern, Denkern und Professoren der Stadt, die derzeit
versuchen, hier ein European Studies
Departement zu etablieren und abends dann ein Poetry Reading mit Dozenten und
Studenten – in einer alten Farm hinter dem Universität-Campus, auf der es auch
Klapperschlangen gibt.