Samstag, 25. Oktober 2014

Amerika 4 - Dreizehnter Stock oder Die Politik des Raumes


Mr Keith Warner lehrt Soziologie an der Uni von Colorado Springs und lud mich ein, in seinem Seminar über "große soziale Umbrüche" von 1989 zu erzählen (und wie es uns Ossis damit erging). Teresa musste mich aus dem Seminar holen, denn es war Zeit für eine Verabredung mit ein paar netten Leuten in einem europäischen Restaurent mit hervorragendem Essen. Die Lesung am gleichen Abend auf dem Campus fand vor zweisprachigem Publikum statt und auch wenn das Publikum den Hörsaal nur locker füllte, war es doch das erste Mal, dass ich danach standing ovations erlebte. Die Herzlichkeit und aufmerksame Zugewandtheit der Anwesenden überraschte mich durchaus. Danach gingen wir bald zu Bett, denn am nächsten Morgen brachte mich Teresa schon gegen sechs zum Flughafen. Im üblichen Reisekoma gelangte ich mit einem geruhsamen Lokalflug nach Chicago, wo ich eine Stunde Zeit zum Umsteigen hatte und rasch einen amerikanischen Lunch "hatte" (d.h. ein dickes Beef-Sandwich und große Cola mit gaanz viel Eis). Eigentlich dachte ich von Chicago gar nichts sehen zu können, aber beim Take off flogen wir bei bestem Wetter in weitem Bogen über die Stadt und ich sah unter mir eine angenehm wimmelnde Skyline auftauchen, deren Wolkenkratzer in einem Distrikt am Ufer des großen blauen Sees (Lake Michigan) kulminierten und irgendwie einen heiteren und einladenden Eindruck machten. (Leider war die Kamera in diesem Moment unerreichbar verstaut.) Dann waren wir auch schon über dem riesiegen See und ich sah weit unter mir kleine Herden von Schönwetterwölckchen dicht über den See hasten und dabei kleine Schatten auf die gekräuselte Oberfläche des Wassers werfen: Sie hatten es offenbar eilig, dort unten in Hunderten Grüppchen irgendwo hinzukommen (vielleicht zu einer großen Wolkenversammlung?), während ich in meinem proppevollen Lokalflieger weit oben gemütlich Richtung Washington brummte.      
 
Als ich beim Anflug auf Washington erwachte, prasselte feinster Nieselregen gegen die Fenster und wir schwebten bereits in einer dichten weißen Wolkensuppe. Ruckzuck bekam ich jedoch (wie bei allen amerikanischen Inlandflügen) meinen Koffer direkt aus dem Bauch der Maschine direkt in den Gangway gereicht und suchte mir vor dem National Airport ein Taxi, mit dem mich ein schweigsamer riesiger Schwarzer (dessen Kopf beinahe am Autodach rieb) im Berufsverkehr durch die grünen Waldhügel rund um die Innenstadt hinauf nach Silver Springs brachte, wobei er unentwegt nervös auf seinem lederumspannten Lenkrad trommelte, als sei es ein Satz karibischer Congas. Nach dem Einchecken konnte ich feststellen, dass ein hartnäckiges Gerücht über die amerikanischen Hotels tatsächlich stimmt: Es gibt hier keinen 13. Stock! Mein Zimmer lag im 16. (Also 15.) Tja.
 
Bald schon holte mich Katharina Rudolf ab und brachte mich bei Nieselwetter zur Catholic University of America, die mich eingeladen hatte und wo abends ein Forumsgespräch zum Thema Mauerfall stattfand. Auf dem Campus befindet sich deutlich sichtbar auch die größte katholische Kirche der USA (The National Shrine!), ein historistischer Bau, der auf interessante Weise Merkmale der Ost- wie der Westkirche in sich vereint, gewissermaßen ein byzantinisches Rom mit der romantischen Klarheit des späten amerikanischen 19. Jahrhunderts imaginierend. (Im ästhetischen Ansatz der pseudoauthentischen Märchenarchtitektur der Berliner Neuen Synagoge aus derselben Zeit nicht ganz unähnlich.) Im Foyer des Vorlesungsgebäudes gab es an diesem Abend deutsche Gadgets und Imbisshappen; etliche Studenten sowie eine Expertengruppe der deutschen Botschaft trafen ein und wir machten uns bekannt, ehe für über zwei Stunden sehr emotional und kontrovers zum Thema deutsche „Wende“ und die Folgen diskutiert wurde. Später versackten wir deutschen Gäste und die amerikanischen Experten noch in einem Restaurant um die Ecke.  
  
Nachdem wir am nächsten Morgen meine Formalitäten auf dem Campus geregelt hatten, fuhr mich Katharina mit ihrem Auto kreuz und quer durch „D.C.“, um mir einen ersten Eindruck von der Hauptstadt zu verschaffen. In der Tat trägt die Politik des Raumes in Washingtons  Innenstadt neorömische Züge – kilometerweite Grünanlagen durchziehen zwischen zwei schnurgeraden Prachtavenues das Gelände, auf denen unter einem hohen Himmel weiträumig verstreut große Prachtbauten mit riesigen Treppenaufgängen und gigantischen Säulen aus strahlen weißen Steinen die Menschlein wie Orientierung suchende Ameisen aussehen lassen... zum Glück sind Macht und Größe von viel Grün und Wasser durchzogen, das macht es natürlicher und lässt die Füße in dieser Weite angenehm irdisch schmerzen.
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Das Weiße Haus im repräsentativen Herzen der Stadt war weiträumig abgesperrt (am Vortag hatte wieder einmal ein Verrückter den Zaun überklettert und wollte zu Obama ins Oval Office vordringen), auf den Wiesen am Washington Monument trainierte ein American Football Team und am Lincoln Memorial konnte ich in der staunenden Menge neben Russisch und Mandarin auch die sächsische Mundart heraushören. Die vielen beeindruckend großen Museen der Smithsonian Stiftung ringsum jedoch wollte ich mir (trotz freiem Eintritt)  für ereignisärmere Tage aufheben.




  
Vor allem thronte breit und erhaben das Capitol - allerdings mit unfeierlich eingerüsteter Kuppel, was dem Ganzen einen Hauch vom Berliner Endlos-Baustellen-Charme verlieh. (Überhaupt erschien mir Washingtons Atmosphäre in gewisser Weise der von Berlin zu gleichen - alles recht nüchtern, massentauglich, offiziell; nur eben zwei, drei Nummern größer... )
 Später sahen wir uns noch die legendäre M street (und den Campus der Georgetown University) in einem höher gelegenen Stadtteil an, dessen kleine Häuser und Einkaufstraßen einen bedeutend menschenfreundlicheren Eindruck machten, und gingen am Dupont Circle in einem eher stadteinwärts gelegenen Ausgehviertel essen. 

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Meine Lesung in einem Hörsaal der modernen Fremdsprachen der CUA lief ähnlich wie in Colorado: Zuerst sahen wir den kurzen Film der BBC über meine Erfahrungen am 9. Oktober 1989 (siehe hier), dann las ich einige der eigens übersetzten Passagen aus „Rabet“; allerdings hatten die Studenten in Washington tatsächlich schon fast den ganzen Roman auf Deutsch (!) gelesen und sich mit den politischen und sprachlichen Hintergründen des Textes befasst, sodass eine fast schon familiäre Atmosphäre entstand. (Im Raum hing zu meiner Überraschung übrigens eine Deutschlandkarte aus dem Jahr 1995 von Justus Perthes Gotha.) Gemeinsam mit Katharina Rudolf brachte mich die norddeutsch-handfeste Fakultätsdekanin Claudia Bornhold anschließend erfreulicherweise noch nach Mount Pleasant  (dessen kleinteiligere und multikulturellere Amtosphäre mir Washington schlagartig um einiges sympathischer werden ließ), wo wir im gemütlichen MARX Café (sic) noch ein revolutionäres Abendessen genossen und uns aufs Angenehmste unsere Geschichten erzählten...

Dienstag, 21. Oktober 2014

Amerika 3 - Steine, Schlangen, lange Schatten



Die Zeitverschiebung (zu den sechs Westküstenstunden nun zwei weitere Stunden nach Westen) lässt mich gegen 4 Uhr Ortszeit wach werden (in D ist ja längst Mittag), dann lese und schreibe ich, bis ich gegen zehn Ortszeit hinunter in die große Wohnküche mit Kamin und Terrasse gehe, um einen Kaffee zu trinken und mit Wolfgang bei Käse-Omelette und Toast die deutsch-amerikanischen und Welt-Probleme seit dem zweiten Weltkrieg diskutiere (insbesondere jedoch sein eigenes Schicksal: das eines Kriegskindes, das weder in Deutschland noch in Amerika gewollt wurde und es dennoch weit gebracht hat). Dann umrunde ich das Haus und entdeckte das legendäre Pikes Peak in den Rockys, dessen schneebedeckten Gipfel man eigentlich sogar vom Fenster meines Zimmers aus sehen kann. 

Mittags holt mich Teresa zu einem Lunch mit den Dichtern und Denkern der Uni in einem netten französischen Restaurant, darunter eine ausgezeichnete Deutschstudenten, einige Kunst-und Sprachdozentinnen, aber auch der österreichisch-amerikanische Chef des Deutschdepartments oder der Theaterchef der Uni (der gerade die Premiere eines Stückes namens „Psycho Beach“ vorbereitet). Wir essen und plaudern, ich komme gar nicht dazu, wirklich alle Geladenen kennenzulernen, aber die Atmosphäre ist heiter und aufgeschlossen. 

Nach etwa zwei Stunden fährt mich Teresa ein wenig zur Stadt hinaus und dann wird es richtig interessant, denn wir kommen zu den Garden of the Gods, einer atemberaubenden Felsenlandschaft aus rotem Sandstein und grauem Granit, die einst ein heiliger Ort der hiesigen Indianer (sag nicht Indianer, sag american natives!) war. Wir schlendern die Wege entlang, kommen von einer erstaunlichen Aussicht zur nächsten und diskutieren die Frage, warum jeder von diesen wunderbaren Felsen fasziniert sein muss, obwohl sie doch nicht nützlich sind – woher kommt dieses allgemeine, unbestreitbare und unmittelbare Empfinden, es hier mit etwas SCHÖNEM zu tun zu haben? 

Zwischen den Felsen, auf den trockenen Wiesen mit den sonnenresistenten, wachholderartigen Gehölzen tummeln sich relativ zutraulich musikalische Elstern, leuchtend flinke Blue Birds sowie zwei vorsichtige Hirschkühe. Die goldrote Sonne macht unsere Schatten lang und lässt die trockene Luft sanft nach Kräutern riechen. Später bewundere ich die schönen Holzhäuschen unter den Bäumen der Berghänge von Manitou Springs, einem kleinen alten Kurort, der auch in einem europäischen Mittelgebirge liegen könnte. 


Doch als wir schließlich wieder im Auto durch die Stadt rollen, vorbei am alten Rathaus von Colorado Springs und mitten durch die breitgezogene, flache Mitte dieser geräumigen Stadt, wird mir klar, was mich an diesem Land bislang am meisten beeindruckt: Nicht die abenteuerliche Geschichte, nicht die schönen Gebäude und auch nicht die energetischen, zugewandten Leute, sondern die Landschaften. Die Landschaften hier haben wirklich eine neue Dimension, und die Leute wissen sie zu schätzen und sich in ihnen einzurichten. So zumindest sehe ich God’s own country in dem Moment, als ich aus den Gardens of Gods von Colorado Springs heimkehre.
   
Am Abend fahren wir durch die hereinbrechende Dämmerung, die die Lichter der Ebene vor dem majestätischen, dunklen Band der Rocky Mountains unter dem dunkelblauen Himmel flimmern lässt. Teresa biegt plötzlich in einen sandigen Seitenweg und im Schritttempo fahren wir auf einer buckeligen Staubpiste durch lichtlose Steppenwildnis. Nach ein paar Minuten erreichen wir einen unbeleuchteten Parkplatz und ich frage mich, wie hier jemals irgendjemand hinfinden soll. Denn in wenigen Minuten soll ja mein poetry reading, die Lyriklesung stattfinden, um die mich Teresa gebeten hat. 

Hinter einigen Büschen tauchen Lichter auf - die Heller Ranch, ein kleines Anwesen, dass eine reiche Fabrikantenfamilie der hiesigen Uni vermacht hat und das nun als Kulturzentrum genutzt wird. 

Doch tatsächlich sind schon ein paar Leute da, und neue treten aus dem Dunkel hinzu. Drinnen versammeln wir uns alle in einem großen Raum um einen riesigen Tisch, die niedrige Decke besteht aus wuchtigen Balken, an den Wänden hängen Gemälde mit orientalischen Szenen im zuckersüßen Hollywoodstil (vom einstigen Besitzer Mr. Heller gemalt). Mit etwa dreißig, fünfunddreißig Zuhörern (Studenten, Dozenten, local poets) ist der Raum irgendwann komplett gefüllt und wir schalten den Screen ein, auf dem man die Texte der Gedichte in beiden Sprachen mitlesen kann. Zunächst stelle ich mich vor,  dann lese ich mit Erläuterungen etwa eine Stunde und anschließend werden Fragen beantwortet, ein angenehmer Abend auf der Heller Ranch von Colorado Springs (der wie üblich noch in längeren Diskussionen mit einzelnen Leuten mündet). Robert von Dassanowsky, der deutsch-österreichische Leiter der hiesigen Deutschabteilung, liest die englischen Fassungen und wie zu erwarten gibt es vor allem Szenenapplaus, als wir schließlich das Gedicht „Malaria“ in beiden Sprachen gleichzeitig lesen.  



Montag, 20. Oktober 2014

Amerika 2 - Der Virginia Effekt

Am Samstagmorgen lassen wir den lokalen Farmer’s Market aus und gleiten nach einem ruhigen Frühstück mit Johns und Marcels silbergrauen Hundai durch das schöne Virginia hinunter nach Charlottesville. Die Straßen sind zumeist dreispurig und es ist schwer auszumachen, wo die Stadt endet, denn überall gibt es noch Shopping Centers, Oulets oder Elementary Schools: Das all dies auf der grünen Wiese steht, scheint kein Problem zu sein – hier muss sowieso jeder Auto (oder notfalls Bus) fahren. Dann werden die Häuschen kleiner und hölzerner, überall zwischen den Wiesen und Wäldchen wohnen Leute. Was noch viel erstaunlicher ist: Ringsum überall ist der Rasen gemäht. Dies ist ein gut eingerichteter Planet: Ganz Virginia ist mit schönem kurzen Grünrasen bedeckt! Auch am Wald. Keine Wiesenblume, keine Grasrispe im Wind – dafür hier und da Grundstücksbesitzer auf ihren winzigen Rasenmähertraktoren sowie ab und zu Pferde oder Kühe auf kleinen Anwesen mit kleinen Holzhäuschen und großen Autos davor. (Obwohl: es fällt schon auf, dass inzwischen sehr viele asiatische und etliche europäische Mittelklasse- und Kleinwagen auf den Straßen der Ostküste unterwegs sind; auch Mercedes, VW und sogar die kleinen Fiats Cinquecento sieht man öfters.) Wir fahren vorbei an etlichen Battlefield Sites, wo Ausflügler des amerikanischen Unabhängigkeits- ebenso wie des Bürgerkriegs gedenken und wo alljährlich mit großem Tamtam die legendären Schlachten heute von Hunderten verkleideter Freiheitskämpfer nachgespielt werden – unter Anteilnahme aller Geschichtsversessenen der gesamten Nation. Die Schlachtfelder sind heute nicht viel mehr als grüne Wiesen auf Hügeln mit Gedenktafeln (und selbstverständlich weithin gestutztem Rasen). Die Straße führt in freundlichen Kurven hinab in den Südwesten, die Hügel und Wälder erinnern deutlich an Thüringen: Im Hintergrund erheben sich (gleich dem Thüringer Wald) die bewaldeten Rücken der Blue Ridge Mountains, hinter denen man hier und da auch das Tal des Shenandoa Rivers erahnen kann (jaja genau: Dort beginnen die CountryRoads von West-Virginia…). 

  Der thüringische Eindruck verstärkt sich, als wir uns nach anderthalb Stunden nahe Charlottesville dem Monticello-Anwesen von Thomas Jefferson nähern. Wir stellen das Auto ab und schauen uns im hölzernen Infocenter zunächst einen kurzen Film über Jefferson an, von dem wir unter großer Musik in sanftgoldenen Bildern erfahren, dass er es war, der die Gleichheit der Menschen und den „Pursuit of Happiness“ aus tiefster Überzeugung in den Entwurf der amerikanischen Verfassung geschrieben hat – etwas, das durchaus hollywoodreife Bilder und große Musik rechtfertigt. Und auch, wenn dieser Unabhängigkeitskämpfer und zweimalige Präsident es selbst nicht geschafft hat, seine vielen Landsklaven (deren stein- und namenloser Friedhof heute übrigens zwischen parkenden Wohnmobilen auf dem Touristenparkplatz liegt) freizulassen, so hat er doch heimlich mit einer seiner Haussklavinnen einige Kinder... Also wandern wir auf seinen Spuren unter großen amerikanischen Eichen über einen Wanderpfad einen Berg hinauf, der uns vorbei an einem kleinen umzäunten Wiesen-Friedhof auf eine Anhöhe führt. Vom Gemüsegarten (mit seiner rötlichen Erde, den Kräutern, Artischocken- und Tomatenstauden)  aus hat man einen herrlichen Blick über das Land;  Schautafeln und kleine Nebengebäude erklären das Landleben auf dem Wohnsitz des einstigen US-Präsidenten. Umstanden von weitausgreifenden, großen Bäumen liegt auf einer blumenumwachsenen Wiese ein roter dreiflügeliger Wohnbau mit einer repräsentativen Kuppel, eine Art Mini-Sanssouci im ländlich britischen Stil, mit Veranden, Pavillons und Kübelpflanzen ergänzt, ein wirklich angenehmer Bau an einem wunderbaren Ort. Wir umstreifen das Haus, lesen hier und da die Tafeln und schauen uns die Arbeitsräume der Sklaven an (Kinder dürfen am Bastelstand Jefferson-Figuren ausmalen) und würdigen Jeffersons vortreffliches Gespür für eine angenehme Lebensführung. Wir schauen und genießen ohne viele Worte den heiteren Tag und rascheln im rotgelben Laub des milde beginnenden Herbstes. 
Im Café müssen wir uns dann allerdings mit Sandwiches begnügen und Marcel wundert sich, dass ich tatsächlich mein Root-Bier (eine lokaler Monticello-Softdrink aus Wurzeln und Baumrinde, geschmacklich eine Art Hustensirup mit Kohlensäure) austrinke, dabei ist es nichts als eine Kindervariante des bayerischen Bärenblutschnapses… Später schlendern wir noch durch die  Innenstadt von Charlottesville, wo es eine der seltenen amerikanischen Fußgängerzonen gibt. Was auffällt: In den hiesigen Innenstädten gibt es sehr viele Antikshops und Edel-Trödler, darunter auch sehr attraktive Buchantiquariate. Marcel meint, die großen Ladenketten seinen hier absichtlich für die Innenstädte verboten; und Antikläden u.ä. seinen besonders gut geeignet, Leute in die Innenstädte zu locken, da man bei denen ja nie wüsste, was sie anbieten – also kommen und stöbern muss. Wir haben jedenfalls tatsächlich viel Vergnügen beim Stöbern. Gegen Abend fahren wir dann gemächlich zurück Richtung Atlantik nach Fredericksburg und gehen dort in einem Diner Abendessen, das „Mason Dickson“ heißt – nicht nach den Romanhelden von Thomas Pynchon, sondern nach der Vermessungslinie, die die beiden nördlich von hier einst festgelegt haben: Die dünne Linie, an der sich „der Norden“ und „der Süden“ der USA trafen und treffen. (Auch deshalb wurde diese Gegend zum historischen Grund – die beiden Parteien des amerikanischen Bürgerkriegs trafen an dieser Linie aufeinander.)
Übrigens: So lange ich nur schaue, und nicht jemand mit kaum verständlichem Akzent minutenlang in maschinengewehrartiger Geschwindigkeit auf mich ein redet, fühle ich mich hier kein bisschen fremd. Alles sieht aus, wie zuhause, selbst der Tinnef der Straßenhändler ist ungefähr derselbe wie in Santiago, Manchester oder Yogyakarta. Das ist der Virginia-Effekt: Immer wieder erscheint mir alles hier auf den ersten Blick sehr vertraut; die Städtchen etwa wie eine Mischung aus englischer Provinz und dem hügeligen Süden Ostdeutschlands - und auch die Natur, die Pflanzen, die Tiere, muten scheinbar bekannt an. Erst wenn man die Details genauer betrachtet, stellt man fest, dass hier vieles doch sehr anders aussieht, riecht, schmeckt, klingt und funktioniert. Das ist also der amerikanische Trick, mit dem man arglos ins Unbekannte gelockt wird.
  Am nächsten Morgen frühstücken wir zeitig und deftig (Johns Feta-Spinat-Omelette ist ein Gedicht) und fahren dann mit dem Auto hinauf ins sonntäglich stille Washington: Die Männer besuchen Johns Mutter in der Nähe, aber vorher laden sie mich – nach einer geschungenen City-Highway-Ehrenrunde um das Washington Memorial, das Pentagon, das Lincoln Memorial bis zum Holocaustmuseum  - am nationalen Reagan-Airport ab, denn für mich ist es Zeit, in den Südwesten nach Colorado weiterzuziehen. Es ist sonnig, aber windig und kühl… Im Flughafen geht alles wortlos und rasch, nur ich falle auf, weil ich die allgemeinen Gepflogenheiten nicht genau kenne (weil ich brav deutsch auf Anweisungen des Personals warte, die aber nicht kommen); aber alles wird gut und bald schon schlummere ich friedlich in meinem Flugzeugsitz nach Houston, Texas. Dort habe ich nur eine halbe Stunde Zeit, meinen Anschlussflug zu finden und zu erreichen, aber auch das ist kein Problem, alles ist hier wohlgeordnet und, nun ja, idiotensicher organisiert und obwohl der Flughafen riesig ist und ich mit einer Schienenbahn zwischen den Terminals wechseln muss, läuft alles ganz entspannt – dies ist definitiv ein großes Land und Binnenflüge sind offenbar kaum mehr etwas anderes als technisch erweiterte Fernbusreisen.

Vor der Landung in Colorado Springs wird mir beim Blick aus dem recht kleinen Flieger der Kontrast klar: Draußen dehnt sich eine ausgedörrte braune Ebene, hier und da graue Häuserdächer und weiße Flecken wie Salzpfannen. Breit und dunkel wie Graphit über dieser endlosen Weite dehnt sich hinten eine mächtige Bergkette unter der Sonne über den gesamten Horizont: Die Rocky Mountains ziehen herauf. Wir sind 2000 über dem Meeresspiegel, Land und Luft sind klar und trocken wie Zunder. Oben auf den Berggipfel kann man schon den Puderzucker des Schnees erkennen. Ehe ich mich noch wundern kann, wie einfach der Flug doch insgesamt war, haben mich im weitläufigen Flughafengebäude mit seinen tausend runden Buchten und Fluren Teresa und Wolfgang entdeckt und begrüßten mich wie einen familiären Gast (das tut in der Fremde doch recht gut). Mit dem Auto, ohne das man in dieser weitläufigen Stadt (mehr als 40 Kilometer in der Breite, meint Teresa) verloren ist, fahren wir hinüber zu ihrem Haus, das sich neben einer Hauptstraße wie ein Cottage hinter ein paar Bäumen versteckt, auf denen graue Squirrels ihr Unwesen treiben. Hier ist alles horizontal und weit, als hätte jemand mit dem Photoshop-Cursor die gesamte Realität in die Breite gezogen! Auch in Wolfgang und Teresas Haus ist sehr viel Platz (ca. 600 qm für zwei), es gibt eine lichtdurchflutete amerikanische Küche mit riesigem Kamin, einen Partykeller mit Schach, Billard und sportlichen Foltergeräten, und in der oberen Etage bekomme ich ein geräumiges Zimmer mit Bad und eigener Kleiderkammer. Später fahren wir Downtown zu „Poor Richard“, um in seinem gemütlichen Café mit angeschlossenem Buchantiquariat (mit Extraregal "local poets", wow) etwas zu trinken und Pizza zu essen, für die man sich die Belagzutaten einzeln und für jedes der gigantischen Sechstel anders zusammenstellen kann. Es gibt viel zu erzählen und zu diskutieren: Anders als die „typischen“ Amerikaner brennen Teresa und vor allem Wolfgang darauf mit mir über Politik, Geschichte und Kultur zu debattieren – all die Themen, die man hier normaler Weise eher erst dann offen anspricht, wenn man sich sehr gut kennt und vertraut. Ich erfahre, dass mein Programm an der University of Colorado morgen mit zwei interessanten Terminen beginnt: Mittags ein Arbeits-Lunch mit einigen versammelten Dichtern, Denkern und Professoren der Stadt, die derzeit versuchen, hier ein European Studies Departement zu etablieren und abends dann ein Poetry Reading mit Dozenten und Studenten – in einer alten Farm hinter dem Universität-Campus, auf der es auch Klapperschlangen gibt.